Mittlerer Westen:Im Grenzland

Präsidentschaftswahlen in den USA

Abstimmung in einer von Unruhen gezeichneten Stadt: Eine Wählerin in Kenosha.

(Foto: Wong Maye-E/dpa)

Joe Bidens Sieg schien in Wisconsin sicher zu sein. Schon am Wahltag aber konnte man ahnen, dass es nicht so einfach werden würde.

Von Thorsten Denkler

Pünktlich um sieben Uhr morgens sperrt eine Wahlhelferin den Haupteingang zur Louisa-May-Alcott-Grundschule im Südwesten von Milwaukee auf. Vor der Schule hat sich schon eine lange Schlange gebildet, die jetzt langsam im Gebäude verschwindet.

Milwaukee war immer eine verlässliche Hochburg für die Demokraten. Hier im Wahllokal 272 aber lag vor vier Jahren Donald Trump knapp vorn. Mit 487 zu 455 Stimmen. Ähnlich knapp hat Trump 2016 auch den Bundesstaat Wisconsin gewonnen. Er hatte 23 000 Stimmen Vorsprung in einem Bundesstaat, den zuvor seit 1984 kein republikanischer Präsidentschaftskandidat mehr gewinnen konnte. Am Mittwoch sieht es dann wieder knapp aus. Joe Biden zieht in Wisconsin erst im Laufe des Tages an Trump vorbei, am Abend melden mehrere US-Medien den Demokraten als Sieger. Aber der Vorsprung ist klein. Trumps Wahlkampfmanager Bill Stepien fordert eine Neuauszählung in dem Staat.

Dabei sollte diesmal doch alles anders werden. In manchen Umfragen lag Trumps Herausforderer bis zuletzt sogar zweistellig vorn. Ein klarer Sieg Bidens schien greifbar zu sein. Daraus wurde aber nichts.

Frank Garcia kommt aus der Schule. Ein bäriger Typ, der kein Geheimnis draus macht, wem er gerade seine Stimme gegeben hat. "Veteran for Trump" steht auf seiner Kappe, "Jesus is my Savior, Trump is my President", auf seinem Mundschutz. "Sie wollen ihm keine weiteren vier Jahre erlauben", sagt er. Er meint damit die "machtgierigen Demokraten", die einfach all die guten Sachen ignorierten, die Trump getan habe. "Die geben ihm die Schuld für die Corona-Krise. Dabei kam das Virus aus China!"

Frank Garcia wird so laut, dass auch alle anderen in der Warteschlange mitbekommen, was er zu sagen hat. Nur wenige schütteln den Kopf. Andere recken zur Unterstützung ihre Fäuste in die Luft oder nicken heftig. Letztere dürften in der Mehrheit sein.

Das haben die Demokraten und die Prognostiker offenbar unterschätzt. Die ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung, die in Wisconsin und fast überall in den USA gemessen wurde, speist sich nicht nur aus Trump-Gegnern, sondern auch aus vielen seiner Anhänger, die an diesem Dienstag in großer Zahl wählen gegangen sind. Und zwar persönlich. Pandemie hin oder her. Die meisten Demokraten haben ihre Stimme da schon längst abgegeben.

So wie Polly Murades, 40, die am Sonntag gewählt hat. Sie holt noch eben ihre Sonnenbrille aus dem Jeep, bevor sie mit der kleinen Tour über ihre Farm beginnt. Eine Öko-Farm, die sie nebenberuflich mit ihrer Frau Kristina Harrington, 46, in Waukesha County betreibt. Sie haben Obstbäume, Hühner und Gemüse. Ein paar Hektar Land sind es nur. Umzingelt von Soja-, Milch-, und Maisbauern, die ihre Produkte im großindustriellen Maßstab herstellen. Aber das macht manches einfacher. Ihre Kunden sind Privatleute. Nicht die Lebensmittelindustrie. Es gibt da kaum Konkurrenz.

Seit fünf Jahren sind sie hier. Es war der perfekte Ort, sagt Murades. Genug Sonne, genug Wasser, der Boden ausnahmsweise nicht ausgemergelt von Intensivlandwirtschaft, auch der Preis stimmte. Was sie damals nicht ahnte: dass sie sich in eine der Hochburgen der Republikaner in Wisconsin eingekauft hatten. Trump hatte hier 2016 fast 30 Prozentpunkte Vorsprung vor Hillary Clinton. Er gewann 61,6 Prozent der fast 240 000 abgegebenen Stimmen. Polly kommt inzwischen klar mit den Leuten. Das überrascht sie selbst. "Aber ich sage Ihnen was: Das mögen alles Republikaner sein. Aber längst nicht alle mögen Trump."

Aber es mögen auch bei Weitem nicht alle Biden. Eine gute Autostunde östlich steht Shaun in der Stadt Kenosha vor einem mit Sperrholzplatten vernagelten Lebensmittelladen. Seinen vollen Namen will er nicht nennen. Er schaut sich um. Hinten an der Ecke das abgefackelte Danish Brotherhood Center, gegenüber das Haus ist auch ausgebrannt, weiter rechts ein weiterer verkohlter Laden. Alle Geschäfte sind verbarrikadiert. "Das macht mich traurig und wütend", sagt er. Er ist vor ein paar Jahren erst nach Kenosha zurückgekehrt. Weil er gehört hat, dass vieles besser geworden sei in seiner Heimatstadt. Weniger Gewalt, weniger Armut, mehr Möglichkeiten. Und jetzt steht er, keine 30 Jahre alt, vor diesen Ruinen.

Am 24. August hatten Polizisten nur ein paar Meilen entfernt sieben Mal auf den Schwarzen Jake Blake geschossen. Noch in der Nacht kam es zu Ausschreitungen, vor allem hier auf der 22nd Avenue. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. Häuser und Autos gingen in Flammen auf.

Ob er wählen gehen wird? Shaun lacht auf. "Warum sollte ich?", fragt er zurück. "Egal wer die Wahl gewinnt, wir werden verlieren." Will er, dass Trump im Amt bleibt? Shaun zuckt mit den Schultern. "Es ist mir egal. Aber lieber er als Biden." Er kann Biden etwas nicht verzeihen. Als Senator hatte er 1994 neue Anti-Verbrechens-Gesetze unterstützt, in deren Folge noch mehr junge schwarze Männer wie er im Gefängnis landeten. Das hat ganze Generationen von schwarzen Familien traumatisiert. Biden hat die Gesetze jüngst als Fehler bezeichnet. Shaun reicht das nicht: "Er mag glauben, dass damit alles wieder gut ist. Für mich ist es das nicht."

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