Mindestlohn Es hat geklappt

Viele Ökonomen und Manager haben gewarnt. Aber was die große Koalition beschlossen hat, kostet kaum Jobs. Im Gegenteil. In der sozialen Marktwirtschaft kommt es aufs richtige Geschäftsmodell an.

Von Detlef Esslinger

Die Agenda 2010 und der gesetzliche Mindestlohn gehen beide auf die SPD zurück. Die Agenda liegt nun 13 Jahre zurück, doch der SPD setzt sie weiterhin zu. Den Mindestlohn gibt es seit etwas mehr als anderthalb Jahren; er hilft bisher zwar nicht der SPD, wohl aber denen, für die die SPD ihn durchgesetzt hat. Diesen Schluss legt die Untersuchung nahe, die die führenden Arbeitsmarktforscher des Landes am Mittwoch vorgelegt haben. Agenda und Mindestlohn scheinen Beispiele für Politik nach dem Samuel-Beckett-Prinzip zu sein: "Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch's noch mal. Scheitere wieder. Scheitere besser."

Die Agenda 2010 war der Versuch, mittels Fördern und Fordern Menschen in Arbeit zu bringen; 4,4 Millionen Arbeitslose gab es in Deutschland, als der Kanzler Gerhard Schröder sie Anfang 2003 beschloss. Das Scheitern bestand darin, dass sie auf dem Arbeitsmarkt einen Sektor zum Blühen erbrachte, in dem die Löhne obszön niedrig waren. Mit dem Mindestlohn begann Anfang 2015 die "Versuch's-noch-mal"-Phase, und wer sich an die Debatten vor seiner Einführung erinnert, der hat noch die Stimmen im Ohr, die der SPD kein besseres, sondern ein noch schlechteres Scheitern vorhersagten. Arbeitsplätze würden in riesigem Umfang vernichtet, die Schwarzarbeit werde zunehmen.

Wer auf Qualität und Service setzt, der verkraftet höhere Kosten

Die Warnungen waren nicht unredlich; es gehört zu den grundlegenden Annahmen der Ökonomie, dass die Kosten eines Arbeitsplatzes erwirtschaftet werden müssen - oder dieser Arbeitsplatz ist nicht zu halten. Aber eine Annahme bleibt eine Annahme, die tatsächliche Wirkung sieht man immer erst dann, wenn man das Experiment an der lebenden Volkswirtschaft unternimmt. Die Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben ermittelt, dass der Mindestlohn kaum Jobs gekostet, sondern allenfalls dazu geführt hat, dass Betriebe weniger Stellen schufen als einst geplant. Wer schon dies für ein Indiz hält, welchen Schaden der Mindestlohn anrichte, der verkennt dessen Zweck: Es ging ja gerade darum, jenen Sektor des Arbeitsmarkts einzudämmen, in dem Arbeitnehmer der Macht von Arbeitgebern wenig entgegenzusetzen haben. Das ist offensichtlich geglückt.

Interessant ist besonders eine Erkenntnis der Forscher: dass viele Branchen, die vom Mindestlohn besonders betroffen sind, ihre Beschäftigung nicht ab-, sondern ausgebaut haben. Probleme haben solche Betriebe bekommen, die immer nur alles billig, billig machen wollen - diejenigen hingegen, deren Geschäftsmodell von Qualität und Service getragen wird, brauchen sich nicht sorgen, im Gegenteil. Dort erwirtschaften die Arbeitnehmer offensichtlich ihre höheren Kosten. Viele Betriebe können es sich sogar leisten, gestiegene Preise auf ihre Kunden abzuwälzen - und auch darum ging es ja beim Mindestlohn: zu demonstrieren, dass einer am Ende dafür bezahlen muss, wenn alles nur noch ein paar Euro kosten darf. Der Mindestlohn ist nicht Ausdruck eines besseren Scheiterns. Er ist eine Verbesserung.