Migration:"Nazi-Denken in ihren Köpfen"

Auch nachdem der Tatverdächtige Anis Amri in Mailand erschossen worden war, häuften sich im Netz die Verschwörungstheorien. Ein Nutzer schreibt in der Gruppe "Syrische Gemeinde in Deutschland": "Das letzte Mal haben sie al-Bakr getötet, bevor er sprechen konnte. Und diesmal schon wieder. Irgendwas läuft hier falsch."

Anis Amri Verschwörungstheorie FB

Ein Nutzer äußert Zweifel daran, dass bei der Erschießung Anis Amris in Italien alles mit rechten Dingen zuging.

(Foto: Screenshot Facebook)

Eine Nutzerin in der Gruppe "German Life Style" meint: "Ich bin mir sicher, er (Anis Amri, Anm. d. Red.) hat nichts gemacht. Das Ganze erinnert mich an syrische Seifenopern, in denen jemand seinen Pass vergessen hat. Es ist einfach das Theaterstück unserer Zeit!"

Eine komplett neue Geschichte entstand zu dem besagten Video aus Berlin, auf dem zu sehen ist, wie eine Frau von einem jungen Mann die Treppe hinuntergestoßen wird. In der Facebook-Gruppe "Befreiung Syriens" mit mehr als 40 000 Mitgliedern steht: "Ein Deutscher schubst eine Frau mit Kopftuch die Treppen herunter". In den Kommentaren kommt blanke Wut zum Ausdruck, ein Nutzer schreibt gar, er wünsche sich, nie nach Deutschland gekommen zu sein. Die Rede ist von Vertuschung, von bewusstem Wegsehen. Ein anderer Nutzer schreibt auf Arabisch: "Der Rassismus und das Nazi-Denken ist einfach in ihren Köpfen."

Ein anderer spinnt bereits Verschwörungstheorien: "Morgen heißt es wieder, es waren Marokkaner, Algerier oder Bosnier" - dahinter drei Smileys mit Tränen in den Augen. Viele Nutzer sind sicher, dass der Fußtritt einer syrischen Frau galt - ihre Kapuze hielten sie für ein Kopftuch. Die Täter seien darum allesamt Nazis, geben viele sich überzeugt. Auch in der Gruppe "Deutschland aus unserer Perspektive", die mehr als 5000 Mitglieder hat, steht: "Das ist weder der erste noch der letzte Angriff auf Muslime, die Medien sehen nur das, was sie sehen wollen. Sie sind damit beschäftigt, über muslimische Radikalisierung zu berichten." Der Beitrag wurde 116 Mal geteilt. Und nur wenige kritische Stimmen innerhalb der Filterblase bezweifeln die waghalsige Interpretation des Videos.

Eine Frau mit Kapuze wird zur Mislima umgedeutet

Ein Syrer, der die Falschmeldung zu dem Schlägervideo veröffentlichte, schreibt auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung: "Das war meine Schlussfolgerung, von hinten sieht sie aus wie eine Kopftuchträgerin." Dass es sich in Wirklichkeit um eine Kapuze handelt, scheint ihn nicht zu interessieren. Er schreibt auf Arabisch: "Es geht mir nicht darum, Nachrichten zu verbreiten. Es ist wie eine gemeinsame Spurensuche: Ich verkünde etwas und mit der Zeit wird sichtbar, ob es stimmt oder nicht."

Die vermeintliche Spurensuche liest sich allerdings eher als Feststellung: "Ein Deutscher schubst eine Frau mit Kopftuch die Treppen herunter." Ob er denn keine Sorge habe, dass andere Flüchtlinge ihn falsch verstehen? Immerhin hat die Gruppe mehr als 40 000 Mitglieder. "Es gibt öffentliche Richtlinien in der Gruppe und wir haben nicht den Anspruch, eine Nachrichtenseite zu sein", antwortet er. Das sei typisch für Social-Media-Netzwerke, sagt Vassilis Tsianos: "Digitalen Müll gibt es überall. Die meisten Nutzer wissen, dass Inhalte auf Facebook nicht journalistisch recherchiert sind."

Ein Blick in Flüchtlingsgruppen auf Facebook zeigt auch, dass die Opferrolle von vielen rasch umgedreht wird - viele Flüchtlinge fühlen sich als Opfer, wenige ziehen eine Parallele zu einem mutmaßlichen Täter. Migrationsforscher Tsianos warnt allerdings davor, Falschmeldungen in solchen Facebook-Gruppen sofort als Fake News zu betrachten. Bei solchen Inhalten handele es sich um vorsätzlich falsche Nachrichten, die teils falschen Interpretationen der Flüchtlinge seien oft eine Reaktion auf Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung, die diese in Deutschland gemacht hätten. "Wenn man permanent als potenzieller Terrorverdächtiger markiert wird, dann interpretiert man bestimmte Vorfälle ganz anders", sagt Tsianos. Entsprechende Kommentare seien ein Ventil, um mit dem wahrgenommenen Generalverdacht umzugehen. Die Wut, sagt er, "ist sowieso da."

© SZ vom 29.12.2016
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