Migration:Flüchtlinge in der Filterblase

Migration: Für Flüchtlinge ist der Austausch in sozialen Netzwerken wichtig. Wenn man "als potenzieller Terrorverdächtiger markiert wird", interpretiere man manche Dinge dort aber ganz anders, sagt Migrationsforscher Vassilis Tsianos.

Für Flüchtlinge ist der Austausch in sozialen Netzwerken wichtig. Wenn man "als potenzieller Terrorverdächtiger markiert wird", interpretiere man manche Dinge dort aber ganz anders, sagt Migrationsforscher Vassilis Tsianos.

(Foto: dpa, Illustration: Stefan Dimitrov)

In Gruppen tauschen sie sich über Wohnungssuche und Aufenthaltsgesetze aus. Manche verbreiten aber auch Falschmeldungen und schüren Ressentiments gegen Deutsche.

Von Dunja Ramadan

"Wir haben gelernt zu fliegen wie Vögel, zu schwimmen wie Fische, aber wir haben immer noch nicht gelernt miteinander umzugehen wie Geschwister", steht auf Arabisch über dem Überwachungsvideo aus der Berliner U-Bahn. In syrischen Facebook-Gruppen diskutieren Geflüchtete über sechs Syrer und einen Libyer, die an Heiligabend einen Obdachlosen angezündet haben sollen.

Die meisten Kommentatoren schämen sich offenkundig für ihre Landsleute: "Ihr seid eine Schande für uns". Ein Mann schreibt in die Facebook-Gruppe "Syrische Gemeinde in Deutschland", die fast 370 000 Mitglieder hat: "Was ist nur los? Jeden zweiten Tag begeht ein Syrer eine Straftat. Sie zerstören unser Ansehen und spielen in den Köpfen der Leute, die uns aufgenommen haben." Eine Syrerin schreibt, Deutschland habe zu vielen Menschen Asyl gewährt, die es nicht verdient hätten.

In den Foren kursieren Falschmeldungen

Auf Facebook gibt es Dutzende Gruppen, in denen sich Geflüchtete in Deutschland organisieren. Einige sind öffentlich zugänglich, bei anderen müssen Interessenten bei den Betreibern der Seite um Aufnahme bitten. Man findet dort Verkaufsanzeigen für Zigaretten und Handys, Bilder von Aleppo-Demonstrationen und aktuelle Nachrichten aus der Heimat und aus Deutschland - die Themen liegen irgendwo zwischen Service-Charakter und Austauschplattform.

Vor etwa zwei Monaten wurden in ebendiesen Gruppen auch Fahndungsfotos des terrorverdächtigen Syrers Dschaber al-Bakr geteilt, am Ende konnte er in Leipzig aufgespürt werden. Nach dem Anschlag in Berlin sind Fahndungsfotos des Tunesiers Anis Amri in etlichen dieser Foren aufgetaucht.

Screenshot aus einer Facebook-Gruppe zu Fahndungsaufruf Anis Amri

Nach dem Anschlag von Berlin werden auf Facebook Aufrufe zur Fahndung nach Anis Amri verbreitet.

(Foto: Screenshot Facebook)

Migrationsforscher Vassilis Tsianos sieht deshalb vor allem "die integrative Leistung dieser Netzwerke". Er forscht an der Fachhochschule Kiel zum digitalen Verhalten von Flüchtlingen.

In den vergangenen Monaten kursierten im Netz aber auch einige Falschmeldungen: Auf Facebook warnten vermeintliche Tierschützer vor Flüchtlingen, die Schwäne und Enten entführten, um sie danach zu verspeisen; ein Video soll Flüchtlinge dabei zeigen, wie sie auf einen geschmückten Weihnachtsbaum in einem Dresdner Einkaufszentrum klettern und Geschenke stehlen. Letztlich stellte sich heraus, dass das Video vor einem Jahr in einem Einkaufszentrum in Ägypten aufgenommen worden war.

Doch auch in Flüchtlingsgruppen lauern Falschmeldungen: Kurz nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt schrieben etwa mehrere Mitglieder unterschiedlicher Facebook-Gruppen, der polnische Lkw-Fahrer sei der Täter; er sei betrunken gewesen und deshalb in die Menschenmenge gerast. Sie hielten den Anschlag für einen Unfall und warfen den Administratoren der Gruppen vor, man solle doch besser über die Toten von Aleppo berichten. Ein Kommentar in der Gruppe "German Lifestyle GLS", die fast 100 000 Mitglieder hat, lautete: "Wo wart ihr, als zahlreiche Menschen in Aleppo durch russische Luftangriffe starben? Warum habt ihr solche Meldungen nicht ins Deutsche übersetzt?" Andere Nutzer wiederum sprachen den Deutschen ihr Beileid aus. Viele schrieben: "Bitte lass es keinen Flüchtling sein".

"Nazi-Denken in ihren Köpfen"

Auch nachdem der Tatverdächtige Anis Amri in Mailand erschossen worden war, häuften sich im Netz die Verschwörungstheorien. Ein Nutzer schreibt in der Gruppe "Syrische Gemeinde in Deutschland": "Das letzte Mal haben sie al-Bakr getötet, bevor er sprechen konnte. Und diesmal schon wieder. Irgendwas läuft hier falsch."

Anis Amri Verschwörungstheorie FB

Ein Nutzer äußert Zweifel daran, dass bei der Erschießung Anis Amris in Italien alles mit rechten Dingen zuging.

(Foto: Screenshot Facebook)

Eine Nutzerin in der Gruppe "German Life Style" meint: "Ich bin mir sicher, er (Anis Amri, Anm. d. Red.) hat nichts gemacht. Das Ganze erinnert mich an syrische Seifenopern, in denen jemand seinen Pass vergessen hat. Es ist einfach das Theaterstück unserer Zeit!"

Eine komplett neue Geschichte entstand zu dem besagten Video aus Berlin, auf dem zu sehen ist, wie eine Frau von einem jungen Mann die Treppe hinuntergestoßen wird. In der Facebook-Gruppe "Befreiung Syriens" mit mehr als 40 000 Mitgliedern steht: "Ein Deutscher schubst eine Frau mit Kopftuch die Treppen herunter". In den Kommentaren kommt blanke Wut zum Ausdruck, ein Nutzer schreibt gar, er wünsche sich, nie nach Deutschland gekommen zu sein. Die Rede ist von Vertuschung, von bewusstem Wegsehen. Ein anderer Nutzer schreibt auf Arabisch: "Der Rassismus und das Nazi-Denken ist einfach in ihren Köpfen."

Ein anderer spinnt bereits Verschwörungstheorien: "Morgen heißt es wieder, es waren Marokkaner, Algerier oder Bosnier" - dahinter drei Smileys mit Tränen in den Augen. Viele Nutzer sind sicher, dass der Fußtritt einer syrischen Frau galt - ihre Kapuze hielten sie für ein Kopftuch. Die Täter seien darum allesamt Nazis, geben viele sich überzeugt. Auch in der Gruppe "Deutschland aus unserer Perspektive", die mehr als 5000 Mitglieder hat, steht: "Das ist weder der erste noch der letzte Angriff auf Muslime, die Medien sehen nur das, was sie sehen wollen. Sie sind damit beschäftigt, über muslimische Radikalisierung zu berichten." Der Beitrag wurde 116 Mal geteilt. Und nur wenige kritische Stimmen innerhalb der Filterblase bezweifeln die waghalsige Interpretation des Videos.

Eine Frau mit Kapuze wird zur Mislima umgedeutet

Ein Syrer, der die Falschmeldung zu dem Schlägervideo veröffentlichte, schreibt auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung: "Das war meine Schlussfolgerung, von hinten sieht sie aus wie eine Kopftuchträgerin." Dass es sich in Wirklichkeit um eine Kapuze handelt, scheint ihn nicht zu interessieren. Er schreibt auf Arabisch: "Es geht mir nicht darum, Nachrichten zu verbreiten. Es ist wie eine gemeinsame Spurensuche: Ich verkünde etwas und mit der Zeit wird sichtbar, ob es stimmt oder nicht."

Die vermeintliche Spurensuche liest sich allerdings eher als Feststellung: "Ein Deutscher schubst eine Frau mit Kopftuch die Treppen herunter." Ob er denn keine Sorge habe, dass andere Flüchtlinge ihn falsch verstehen? Immerhin hat die Gruppe mehr als 40 000 Mitglieder. "Es gibt öffentliche Richtlinien in der Gruppe und wir haben nicht den Anspruch, eine Nachrichtenseite zu sein", antwortet er. Das sei typisch für Social-Media-Netzwerke, sagt Vassilis Tsianos: "Digitalen Müll gibt es überall. Die meisten Nutzer wissen, dass Inhalte auf Facebook nicht journalistisch recherchiert sind."

Ein Blick in Flüchtlingsgruppen auf Facebook zeigt auch, dass die Opferrolle von vielen rasch umgedreht wird - viele Flüchtlinge fühlen sich als Opfer, wenige ziehen eine Parallele zu einem mutmaßlichen Täter. Migrationsforscher Tsianos warnt allerdings davor, Falschmeldungen in solchen Facebook-Gruppen sofort als Fake News zu betrachten. Bei solchen Inhalten handele es sich um vorsätzlich falsche Nachrichten, die teils falschen Interpretationen der Flüchtlinge seien oft eine Reaktion auf Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung, die diese in Deutschland gemacht hätten. "Wenn man permanent als potenzieller Terrorverdächtiger markiert wird, dann interpretiert man bestimmte Vorfälle ganz anders", sagt Tsianos. Entsprechende Kommentare seien ein Ventil, um mit dem wahrgenommenen Generalverdacht umzugehen. Die Wut, sagt er, "ist sowieso da."

© SZ vom 29.12.2016
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