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Mexiko:Olympisches Trauma

TLATELOCO MASSACRE ANNIVERSARY

Verhaftet, gefoltert, verschwunden: Das Schicksal vieler Demonstranten vom 2. Oktober 1968 ist ungeklärt.

(Foto: AP)

Vor den Sommerspielen 1968 wurde eine Studenten­demonstration brutal niedergeschlagen. Das Massaker mit Hunderten Toten wurde nie gesühnt. Doch nun regiert die Generation der Opfer.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Die Olympischen Spiele von 1968 in Mexiko-Stadt sind als die Spiele des Jahrhundertsprungs in Erinnerung geblieben. Bob Beamon: 8,90 Meter, so weit flog bis heute niemand in eine olympische Sandgrube. Es waren außerdem die Spiele der berühmten Black-Power-Geste der US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos, die ersten Spiele mit Dopingtests sowie der Teilnahme zweier getrennter deutscher Mannschaften. Gemäß dem olympischen Jargon handelte es sich - wie alle vier Jahre - aber vor allem um ein friedliches Beisammensein der Jugend der Welt. Die Festtage gingen tatsächlich recht störungsfrei über die Bühne, aber nur, weil die potenziellen Störer kurz zuvor erschossen wurden.

Am 2. Oktober 1968, zehn Tage vor der Eröffnungsfeier, die Jugend der Welt war schon im Anflug, demonstrierte die Jugend des Landes in Mexikos Hauptstadt. Es war der Spätsommer der globalen Studentenrevolte, der Streikrat der Unam, der größten Universität Lateinamerikas, hatte zu einer Kundgebung auf dem Platz der Drei Kulturen im Stadtteil Tlatelolco aufgerufen. Der Protest richtete sich gegen das autokratische Regime der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), die damals schon fast 40 Jahre lang ununterbrochen regierte. Rund 10 000 Menschen waren gekommen, Studierende, Arbeiter, Angestellte, Anwohner, einige hatten ihre Kinder mitgebracht. Im Nieselregen warteten sie auf eine Rede des Studentenführers Socrates Campos Lemus. Mexikos Präsident Gustavo Díaz Ordaz konnte keinerlei Unruhen gebrauchen, das offizielle Motto der Spiele lautete "Alles ist möglich im Frieden". Er war bereit, diesen Frieden mit einem Blutbad durchzusetzen.

Die Studenten auf dem Platz von Tlatelolco waren staatliche Repression gewohnt. Überlebende berichteten später, sie hätten sich erst überhaupt nicht gewundert, dass die Armee anrückte. Als sie begriffen, welche Dimension und welches Ziel der Einsatz hatte, saßen sie bereits in der Falle. Sie wurden von etwa 5000 Soldaten eingekesselt, die mit Panzern und Jeeps angerückt waren. Scharfschützen hatten sich auf Dächern postiert. Agenten vom "Batallón Olimpia", erkennbar am weißen Handschuh an der linken Hand, mischten sich unter die Leute. Diese Spezialeinheit war ursprünglich gegründet worden, um einen reibungslosen Ablauf der Sommerspiele zu garantieren. An diesem Tag wurde sie zur Todesschwadron.

Der Studentenführer Campos Lemus hatte gerade zu sprechen begonnen, da fielen aus einem Armeehubschrauber drei Leuchtfeuer zu Boden, zwei grüne, ein rotes. Das war das Zeichen zum Angriff. Eine halbe Stunde lang knatterten die Maschinengewehre, aus allen Richtungen wurde in die Menge gefeuert. Panzer versperrten die Fluchtwege. Am Ende lagen um die tausend Tote und Verletzte auf dem Platz. 50 Jahre ist das jetzt her. Bis heute wurde keiner der Verantwortlichen verurteilt.

Dieses "Massaker von Tlatelolco" gilt selbst in der gewaltgeplagten Geschichte Mexikos als beispiellos. Es ist ein nationales Trauma, das nicht nur für die Brutalität der Regierung von Díaz Ordaz steht, sondern auch für die Gleichgültigkeit all seiner Nachfolger und nicht zuletzt für die Heuchelei der olympischen Bewegung. IOC-Präsident Avery Brundage tat bei der Eröffnungsfeier so, als wäre nichts geschehen, kein Sportfunktionär, kein Athlet protestierte, niemand rief zum Boykott auf.

In Mexiko, dem Land der Straflosigkeit, wurde nie ernsthaft untersucht, wer an jenem 2. Oktober den Schießbefehl gab. Neben Díaz Ordaz gilt der damalige Innenminister und spätere Staatschef Luis Echeverria Álvarez als einer der Hauptverantwortlichen des Massakers. Schuldig machte sich auch die mexikanische Presse. In den Zeitungen war am nächsten Tag von einer Attacke der Studenten auf die Soldaten die Rede, 27 Menschen seien dabei ums Leben gekommen. Über das tatsächliche Ausmaß des Verbrechens berichtete erstmals die Schriftstellerin Elena Poniatowska in ihrem Standardwerk "La noche de Tlatelolco" (Die Nacht von Tlatelolco) von 1971. Sie hatte dafür jahrelang Augenzeugen befragt. Die genaue Anzahl der Opfer ist umstritten, die Leichen wurden rasch in Militärtransportern davon gekarrt, viele Überlebende verhaftet. Manche berichteten später von Folter, andere tauchten nie wieder auf. 1993 dokumentierte eine Wahrheitskommission 300 Tote und 700 Verletzte, demnach wurden 15 000 Schüsse auf die unbewaffneten Demonstranten abgefeuert. Auch dieser Bericht blieb juristisch folgenlos.

Die neue Regierung will auch ein aktuelles Verbrechen an Studenten aufklären

Díaz Ordaz ist lange tot, Echeverria Álvarez, 96, lebt noch. Er wurde 2006 verhaftet und nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Die Richter argumentierten, die Vorwürfe gegen ihn seien verjährt. Aber verjährt ein Massenmord? Noch immer sind in Mexiko Straßen und Flughäfen nach Díaz Ordaz und Echeverria Álvarez benannt. Ihre Partei, die Pri, regiert abgesehen von einer kurzen Unterbrechung bis heute.

Jetzt scheint plötzlich wieder Bewegung in die Sache zu kommen. Das liegt nicht nur am 50. Jahrestag, sondern auch an der jüngsten Präsidentschaftswahl. Die Pri von Präsident Enrique Peña Nieto musste eine historische Pleite einstecken, mit dessen Nachfolger Andrés Manuel López Obrador, 64, der am 1. Dezember übernimmt, beginnt in Mexiko eine neue Ära - auch wenn sie vor allem von alten Männer angeführt wird. Die Generation der 68er hat es mit reichlich Verspätung an die Macht geschafft, zwanzig Jahre nach der Regierung Schröder/Fischer in Berlin. López Obrador war 1968 noch sehr jung, aber in seinem Kabinett, seinem Beraterzirkel und seiner Partei Morena wimmelt es von Alt-68ern, darunter Pablo Gómez, ein früherer Anführer des Nationalen Streikrates. Er wurde auf dem Platz der Drei Kulturen verhaftet und kam erst drei Jahre später wieder frei.

Zu den symbolischen Projekten der neuen Regierung gehört der Plan, im Kongressgebäude, wo die nationalen Helden in goldenen Buchstaben verewigt sind, die "Bewegung der 68er" aufzunehmen. Es werden jetzt Forderungen laut, das Verfahren gegen Echeverria Álvarez neu aufzurollen und Straßen, die seinen Namen tragen, umzubenennen. All das hatte der Machtapparat der Pri jahrzehntelang blockiert.

Es ist kein Zufall, dass es in dieser Umbruchphase auch wieder auf dem Campus der Unam rumort, der so etwas wie ein kleiner Staat im Staate ist, wo sich linke und rechte Studentenbewegungen bekämpfen und auch das organisierte Verbrechen mitmischt. Anfang September attackierten kriminelle Banden, "porros", eine der größten Studentendemos seit 1968 in Mexiko-Stadt, dabei gab es zwei Schwerverletzte. Bei einem Schweigemarsch wenige Tage später waren Schilder zu sehen mit der Aufschrift: "In Mexiko ist es gefährlicher ein Student zu sein als ein Krimineller." Das war nicht nur eine Anspielung auf die Opfer von Tlatelolco, sondern auch auf den zweiten traumatischen Gewaltkomplex des Landes: die 43 spurlos verschwundenen Hochschüler von Ayotzinapa. Auch bei diesem Verbrechen 2014 hatte mutmaßlich die Armee ihre Finger im Spiel und hochrangige Politiker behinderten die Ermittlungen. López Obrador hat versprochen, den Fall endlich umfassend aufklären zu lassen.

Dabei könnte es dann auch um die Gegenwart der Vergangenheit gehen. Die Studenten von Ayotzinapa waren in jener Nacht, in der sie für immer verschwanden, unterwegs in die Hauptstadt - zur Gedenkfeier des 46. Jahrestags des Massakers von Tlatelolco.

© SZ vom 01.10.2018
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