Mein Leben in Deutschland Jobs, von denen Flüchtlinge träumen

Junge Flüchtlinge in einer Werkstatt.

(Foto: Jens-Ulrich Koch/dpa)

Akademiker arbeiten als Paketboten oder im Schnellrestaurant: Warum es für syrische Flüchtlinge so schwer ist, im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Kolumne von Yahya Alaous

Es gibt wohl kaum einen syrischen Flüchtling, der nicht schon von der Eröffnung eines eigenen Restaurants in Deutschland geträumt hat. Die syrische Küche ist berühmt und lecker, Syrer sind begabte Köche. Doch das sind nicht die einzigen Gründe, warum viele von einem eigenen Restaurant träumen. Wer in seinem eigenen Laden arbeitet, von dem fordert niemand perfekte Deutschkenntnisse. Die erforderlichen Tätigkeiten gehören zu den wenigen, die man in Deutschland ausführen kann und darf, ohne die Sprache fließend zu beherrschen.

Einige Syrer, die ich kenne, haben Restaurants eröffnet, aber es leider nicht geschafft, sie zu halten. Die Lokale kamen nicht zum Laufen. Hohe Mieten, schlechte Gegenden für Laufkundschaft, hohe Konkurrenz - es gibt viele Gründe, warum man in der Gastronomie scheitern kann.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Syrer gelten als fleißige Menschen und allen ist bewusst, dass sie ihre Position vom Steuerempfänger hin zum Steuerzahler nur durch Arbeit verändern können. Und nur so von Flüchtlingen zu Einwanderern werden können. Wann auch immer Syrer zusammentreffen, ist das erste Gesprächsthema, ob jemand und auf welchem Wege er schon Arbeit gefunden habe?

Vor ein paar Wochen saß ich in einem Café neben einer Gruppe von jungen Flüchtlingen. Sie sprachen darüber, wie schwer es sei, Deutsch zu lernen, und dass ihr schlechtes Deutsch sie nur zu schlechten Jobs befähigen würde. Mich machten ihre Gespräche traurig. Es macht doch keinen Sinn, wenn ein studierter Mann, ein Anwalt oder ein Lehrer, plötzlich zum Sicherheitsmitarbeiter wird, der für neun oder zehn Euro pro Stunde den ganzen Tag im Supermarkt rumstehen muss. Diese Arbeit ist sehr enttäuschend, nicht nur, weil sie ermüdend ist. Sie ruft im Arbeitnehmer schlechte Gefühle hervor, ganz einfach deshalb, weil er immer seinen ungenutzten Fähigkeiten nachtrauern wird.

Gute Ratschläge, aber keine Jobs

Aber es ist trotzdem so: Akademiker arbeiten als Paketboten, in Schnellrestaurants oder liefern Bestellungen per Fahrrad aus. Durch Gespräche mit anderen Syrern lernte ich alles über die Arbeitsbedingungen bei diesen Unternehmen, ich weiß, was man wo verdienen kann, wo es besonders hart oder aber erträglich zugeht.

Ich war auf einer Jobmesse, die extra für Geflüchtete ins Leben gerufen wurde, und besuchte alle Stände in allen dort angebotenen Arbeitsbereichen. Mehr als die Hälfte der Aussteller waren gemeinnützige Vereine, viele mit staatlicher finanzieller Unterstützung versehen, die Flüchtlingen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz behilflich sein sollten. Diese Vereine beraten vor Bewerbungen und vor Vorstellungsgesprächen, was natürlich wichtig ist, doch die Jobs, um die es dabei geht, sind dieselben wie die, über die die jungen Männer im Café sprachen.

Mir gelang es nicht, direkt mit einem Arbeitgeber zu sprechen, der vielleicht an meiner Arbeitskraft, meinen Fähigkeiten und Qualifikationen interessiert gewesen wäre. Ich erhielt aber immer weiter gute Ratschläge von den Vereinen. Ich frage mich, ob es vielleicht nicht sinnvoller wäre, wenn die Regierung tatsächlich Arbeitsplätze für Flüchtlinge schaffen würde, anstatt für beratende Vereine?

Andererseits ist es wohl kein Geheimnis, wenn ich erzähle, dass es einen parallelen, informellen, aber natürlich eigentlich illegalen Arbeitsmarkt gibt, auf dem erfahrene und fähige Arbeiter relativ problemlos Aufträge finden können. Wer in seinem Heimatland schon als Klempner, Tischler und Maler gearbeitet hat, findet recht schnell einen Zugang zu diesem Arbeitsmarkt. Syrische Handwerker - auch ohne Deutschkenntnisse - werden gerne gebucht, nicht nur, weil sie billiger als deutsche Firmen sind. Einen syrischen Tischler kann man von jetzt auf gleich anheuern, auch nur für ein paar Stunden, da muss man nicht lange wie bei einer deutschen Firma auf einen Termin warten, und Geld spart man auch.

Ich erinnere mich an Sami, einen Syrer, der ein Zentrum für kulturelle und künstlerische Aktivitäten eröffnete. In diesem Zentrum sollte es auch ein syrisches Restaurant geben. Die Behörden baten ihn kurz vor der Eröffnung, die Öffnungsrichtung der Tür zu ändern. Er rief eine Handwerksfirma an, die ihm einen Termin in zwei Wochen geben wollte. Doch Sami hatte nicht das Geld und die Zeit, noch zwei Wochen auf die Eröffnung zu warten. Also ging er in einen Baumarkt, kaufte ein Schweißgerät, baute die Tür um und konnte zügig eröffnen.

Sami hofft, dass sein neues Projekt erfolgreich sein wird, dass seine syrische Küche gut angenommen wird, aber falls dem nicht so sein sollte, hat er schon einen Plan B bereit: Immerhin ist er Besitzer eines Schweißgeräts und hat auch noch ein paar andere Geräte, die er sicherlich einsetzen wird, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sagte ich schon, dass Syrer gerne arbeiten und sich ihr Geld selbst verdienen wollen?

Übersetzung: Jasna Zajček

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