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"Mein Leben in Deutschland":Verdächtige Facebook-Freundschaftsanfragen

Hasskommentare schaden dem Ruf von Facebook.

Facebook als Plattform für Trickbetrüger in Form von hübschen Frauen?

(Foto: AP)

Unser syrischer Gastautor versteht die Welt nicht mehr: Warum bekommen er und seine Freunde fragwürdige Anfragen von nackten Frauen auf Facebook?

Von Yahya Alaous

Bis vor Kurzem bekam ich nur zwei Sorten von neuen Facebook-Freundschaftsanfragen. Entweder waren es alte, reale Freunde, die durch Zufall auf mein Facebook-Profil gestoßen waren, oder neue, reale Menschen, die meine Artikel gelesen und sich nun dazu entschlossen hatten, mir zu folgen. Aber seit neuestem gibt es eine dritte Gruppe.

Diese besteht aus wunderschönen Mädchen mit klangvollen Namen. Wenn man allerdings ihre Seitenlinks anklickt, bekommt man Einladungen, mit ihnen zu sprechen oder auch ihren Pornofilmchen zu folgen. Als dieses Phänomen vor rund einem Jahr erstmals in meinem digitalen Dunstkreis auftauchte, dachte ich, es sei eine Randerscheinung, von der wahrscheinlich alle Facebook-User hin und wieder betroffen sein würden. Als ich aber anfing, meine Freunde zu befragen, stellte ich fest, dass sich diese Randerscheinung ziemlich ungleich verteilte. Während manche meiner deutschen Freunde gar nicht wussten, wovon ich sprach und nur wenige deutsche Freunde ein paar solcher Anfragen erhalten hatten, sah es im arabischen Freundeskreis ganz anders aus.

Fast jeder meiner arabischen Freunde kennt diese Anfragen. Viele sagen mir, dass sie diese täglich bekommen würden, obwohl sie sie immer als "Spam" markieren und nie anklicken oder die "Freundschaftsanfragen" der Damen nie akzeptieren würden.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Ich suchte nach einer Erklärung, warum viele meiner deutschen Freunde von diesen Einladungen verschont bleiben. Vielleicht sind diese Anfragen ja irgendwie an die sonstigen Facebook- oder Internetaktivitäten der User verknüpft, oder an die Häufigkeit, mit der Facebook aufgerufen wird - vor allem, da viele Flüchtlinge ihre Facebook-Seite nutzen, als sei es die wichtigste Nachrichtenseite der Welt. Um bloß nichts zu verpassen, checken viele nahezu minütlich, was sich in ihrem digitalen Kosmos abspielt. Ganz anders halten es viele deutsche Freunde: manche haben überhaupt keinen Account, manche gehen nur selten, und dann nur für ein paar Minuten online und legen überhaupt nicht so viel Wert auf viele Facebook-Freundschaften, so dass sie gerade mal 200 Freunde beisammenhaben. Diese User werden meiner Recherche zufolge verschont.

Also überlegte ich weiter: Könnte es sein, dass die Leute, die diese pornographischen Anfragen bekommen, vielleicht öfter auf Dating- oder Pornoseiten unterwegs sind? Aber auch das schien nicht zu stimmen: Denn viele, die ich kenne und die diese Anfragen bekommen, haben glaubwürdig kein Interesse an solchen Seiten.

Die einzige Erklärung, die ich mir zusammenreimen konnte, war, dass Menschen, die wie Araber oder Muslime aussehen oder typische Namen tragen, öfter angeschrieben werden. Vor allem, weil ich auch Frauen mit arabischen Namen kenne, die diese "Requests" bekommen... Also könnte es sein, dass der Absender nicht einmal zwischen männlichen und weiblichen Namen unterscheiden kann, sondern sie einfach nur anschreibt, weil es keine westlichen Namen sind. Da schien mir fast schon ein Vorurteil Muslimen gegenüber dahinterzustecken...

Einer meiner syrischen Freunde namens Abdurrahman sagte, dass er solche Anfragen ständig erhalten und ignorieren würde. Dann würden sie sofort verschwinden. Freund Mohammad glaubt, dass es eine Art App ist, die die Anfrage automatisch löscht, wenn der Adressat nicht antwortet.

Ein anderer Freund erzählte mir, dass einer seiner Bekannten so eine "Freundschafts"-Anfrage angenommen hat. Daraufhin wurde er per Videocall von einem nackten Mädchen angerufen, das mit ihm sprechen wollte. Er verstand die Welt nicht mehr - was sollte das? Nachdem er erschreckt aufgelegt und dieses Mädchen geblockt hatte, kamen auch keine weiteren Anfragen mehr. Ich fing ich an, systematisch zu recherchieren: Konnte es sein, dass irgendjemand gezielt versuchte, Muslime sexuell erpressbar zu machen?

Dann aber fand ich heraus: seit 2015 mehren sich derartige Anfragen an viele männliche Facebook-Profile weltweit. Ziel ist es, dass sie sich kostenpflichtig auf dubiosen Seiten anmelden - oder sie sogar zu sexuellen Handlungen vor ihren Webcams ermutigen. Kaum hat sich ein Mann auf solch eine Handlung eingelassen, kommt prompt die Erpressung, meist aus ähnlichen Kanälen wie die als "Nigeria-Connection" bekannten Internet-Betrügereien. Dann werden die Gutgläubigen oft um viele Tausend Euro betrogen.

Mit den Protesten wurden blockierte Porno-Seiten in Syrien plötzlich zugänglich

Vor 2011 waren alle pornographischen Webseiten in Syrien blockiert. Aber nur ein paar Monate nachdem die Revolution begonnen hatte, gab es plötzlich freien Zugriff auf all diese Seiten. Es war ganz klar, dass das Regime die jungen Leute mit allen Mitteln von den Protesten abhalten wollte. Aber es funktionierte so nicht - und viele Syrer wurden sehr, sehr vorsichtig mit ihren Facebook-Freundschaften. Hinter jedem Fremden, der ein Freund werden wollte, konnte ein Agent des Regimes stecken. Von diesen Agenten, die darauf spezialisiert waren, politische Aktivisten oder Oppositionelle auszuspionieren, musste man wirklich auf der Hut sein. Doch heute, so scheint es, haben viele Menschen keine Angst mehr davor, in den Griff der Geheimdienste zu kommen, sondern eher davor, ungewünschten Facebook-"Freunden" ihre Informationen zu offenbaren.

Als ich diese Anfragen das erste Mal bekam, dachte ich zuerst: "Wie wundervoll, junge Frauen sind an meinen Artikeln interessiert und wollen das Leben von Flüchtlingen in Deutschland nachfühlen." Dann aber war ich ganz schön enttäuscht, als ich mitbekam, dass sie wirklich gar nicht an dem, was ich schreibe, interessiert waren, sondern nur an meinem exotisch klingenden Namen - und daran, einen Internet-unerfahrenen Menschen zu betrügen.

Übersetzung: Jasna Zajček

© SZ.de/lalse/ick
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