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Zum Tod von Manfred Stolpe:Der Brandenburger

Manfred Stolpe, 1993

Ein Preuße, der sich in die Pflicht nehmen ließ: Manfred Stolpe, 1936 bei Stettin geboren, ging 1990 als Sozialdemokrat in die Landespolitik.

(Foto: Regina Schmeken/SZ Photo)

Manfred Stolpe prägte den Wiederaufbau des Landes. Als Mann der Kirche hatte er ein Gefühl für erschütterte Lebensläufe; seine DDR-Vergangenheit rief aber auch Kritik hervor.

Nachruf von Jens Schneider

Wenn es um das Verschwinden und die Wiederkehr des Landes Brandenburg ging, wusste Manfred Stolpe eine schöne Anekdote zu erzählen. Zu DDR-Zeiten hatte der Kirchenmann sich aus Westberlin einen Aufkleber mit dem "Roten Adler" für sein Auto beschafft - das Wappentier des Landes Brandenburg, das es in der DDR nicht mehr geben sollte. Als ein Nachbar den Aufkleber sah, habe er argwöhnisch gefragt, wie Stolpe denn nach Tirol gekommen sei. Der Mann kannte den Roten Adler als Zeichen für Tirol, "aber er wusste nichts vom Land Brandenburg und seinem Wappentier".

So erzählte es der Mann, der nach 1990 als erster Ministerpräsident des wieder entstandenen Landes Brandenburg die politische Kultur in Ostdeutschland so nachhaltig prägte wie nur wenige andere Politiker außer ihm: Stolpe stand für unermüdliche Arbeit beim Aufbau des neuen Landes, aber auch für eine markante Zögerlichkeit bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Im Alter von 83 Jahren ist Stolpe in der Nacht zum Sonntag nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Als "Vater des modernen Brandenburgs" würdigte ihn am Montag der heutige Regierungschef Dietmar Woidke. Stolpe habe die Liebe zu Brandenburg in seinem Herzen getragen, "lange schon bevor unser Land 1990 gegründet wurde". Woidke sagte: "Er gab dem Land Stimme und Gesicht."

Die DDR hatte bald nach ihrer Gründung die alten Länder aufgelöst und den sozialistischen Staat in Bezirke aufgeteilt. Im Alltag war noch von den Sachsen, den Thüringern, auch den Mecklenburgern die Rede. Ein Brandenburger Wir-Gefühl gab es nicht mehr, Stolpe warb nun dafür, mit Erfolg. Als das Land 1990 neu entstand, oder "wiedergeboren wurde", wie er es ausdrückte, erschien er mit seiner Autorität und seinem Selbstbewusstsein bald wie geschaffen für die Aufgabe, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Er brachte politische Erfahrungen aus Führungsämtern mit, wie es sie in der erst wieder gegründeten ostdeutschen Sozialdemokratie naturgemäß kaum gab.

Der 1936 in Stettin geborene Protestant hatte zunächst in Jena Rechtswissenschaft studiert und arbeitete von 1959 an mehr als drei Jahrzehnte in Diensten der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, lange Jahre in leitenden Positionen, zuletzt bis 1990 als Konsistorialpräsident. Er baute Gesprächsdrähte zu den Mächtigen des SED-Staates auf, pflegte diese Verbindungen. Sein Name war zu Zeiten, als Widersacher unerbittlich verfolgt wurden, für in Bedrängnis geratene Oppositionelle ein wichtiger Kontakt.

Stolpe galt als einer, der in politischer Not helfen konnte. Auch später, als dem Ministerpräsidenten eine zu große Nähe zum nun untergegangenen DDR-Staat vorgeworfen wurde, bezweifelte niemand, dass Stolpe vielen beigestanden hatte, im Stillen, auf seine Art. Er setzte sich für Haftentlassungen ein, kümmerte sich um Wehrdienstverweigerer oder Ausreisen in besonders bedrängten Fällen.

Aus Sicht ostdeutscher Sozialdemokraten war der Kirchenfunktionär 1990 die ideale Führungsfigur für das Land. Er begründete in Potsdam für die SPD eine Hegemonie, wie es sie entgegen ihren Erwartungen nirgends sonst in Ostdeutschland geben sollte. "Ich hatte damals einen großen Startvorteil", sagte Stolpe über den Aufbruch: "Ich war im Land schon bekannt. Man kannte mich als Mann der Kirche, viele Oppositionelle hatten meine Telefonnummer."

Bald begleitete seine Amtszeit harte Kritik an seiner einstigen Nähe zum DDR-Staatsapparat. Stolpe wurde vorgeworfen, mit der Stasi kooperiert zu haben, ein Inoffizieller Mitarbeiter gewesen zu sein; die Stasi hatte ihn als IM geführt. Besonders harsch äußerten sich einige Bürgerrechtler, die ihm einst mit großer Achtung verbunden waren. Die Kirche prüfte seine Rolle und befand, dass Stolpe immer ein Kirchenvertreter geblieben sei und "nicht die Seiten gewechselt" habe. Brandenburg zählte zu den Ländern, in denen die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit von der Politik zögerlich und zeitverzögert angegangen wurde. Stolpe setzte auch im Umgang mit der PDS früh auf einen weniger konfrontativen Kurs.

Mit seiner Frau schrieb er ein Buch über den gemeinsamen Kampf gegen den Krebs

Seiner Popularität nutzte dieser Kurs, er errang als Regierungschef eine absolute Mehrheit. Sein Auftreten erschien oft unnahbar und doch vermochte er vielleicht gerade aus dieser Haltung meist unkompliziert auf Menschen zuzugehen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Als Regierungschef ging es ihm in erster Linie darum, den Umbruch zu bewältigen, durch den im Grunde alle Lebensläufe erschüttert wurden. Im Zentrum stand für ihn der wirtschaftliche Wiederaufbau eines Landes, das seine industrielle Basis verlor. Ostdeutsche sollten sich nicht als Bürger zweiter Klasse fühlen. "Das ist in der Tat eine Pionierzeit", sagte Stolpe über diese Jahre.

Bundeskanzlerin Angela Merkel:

"Leidenschaftlich und geradlinig im Einsatz für seine Mitbürger prägte er die Politik unseres wiedervereinigten Deutschlands auf Landes- und Bundesebene entscheidend mit."

Unerwartet gab er 2002 das Amt als Regierungschef auf, ließ sich aber von Bundeskanzler Gerhard Schröder noch dafür gewinnen, als Bundesverkehrsminister in sein Kabinett zu kommen. Gefragt war erneut eine selbstbewusste ostdeutsche Stimme auf Bundesebene. Stolpe nahm die Herausforderung an. Der Preuße ließ sich in die Pflicht nehmen, hieß es.

Lange verschwieg er der Öffentlichkeit seine Krebserkrankung. Als Manfred Stolpe im Jahr 2005 aus dem Bundeskabinett ausschied, hatte er bereits eine Operation hinter sich. Im Jahre 2008, als er erneut operiert werden musste, und auch seine Frau, die Ärztin Ingrid Stolpe, an Krebs erkrankt war, sprachen die beiden nun öffentlich darüber. Aber er machte auch in dieser Rolle nicht viel Aufhebens um sich, wollte vor allem Ruhe und Zuversicht ausstrahlen. Diese Zurückhaltung hat er in Interviews als typisch für die Brandenburger beschrieben. Mit seiner Frau schrieb er 2010 ein Buch über den Kampf gegen den Krebs mit dem Titel "Wir haben noch so viel vor".

In Potsdam lebte Stolpe in einem Stift an der Havel und blieb ein gefragter Interviewpartner, zuletzt konnte er nur noch schriftlich antworten, als er nach Erklärungen für die Wahlerfolge der Rechtsaußen in Brandenburg und anderen Ost-Ländern gefragt wurde. Wie in seinen Regierungsjahren mahnte er, man solle den Menschen zuhören, damit sie nicht den Populisten nachliefen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte ihn nun als "leidenschaftlich und geradlinig im Einsatz für seine Mitbürger". Er sei viele Jahre Landesvater, Gesicht und Stimme Brandenburgs gewesen. "Ich gedenke ebenso des engagierten Christen Manfred Stolpe, der auch unter widrigen Umständen ein lebendiges christliches Leben gestaltete", fügte die Kanzlerin hinzu. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte ihn in seinem Kondolenzschreiben an Stolpes Witwe eine "überragende politische Persönlichkeit". Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erinnerte an seinen einstigen Weggefährten: "Er war ein großer Sozialdemokrat, aber vor allem war er ein großartiger Mensch."

© SZ vom 31.12.2019/aner
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