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Mali:Die Europäer sind in Afrika gescheitert

Malian army soldiers are seen at the Independence Square after a mutiny, in Bamako

Mali, so begründen die Putschisten ihre Meuterei, versinke immer mehr in Unsicherheit.

(Foto: REUTERS)

Der Putsch in dem zerrütteten Staat Mali demonstriert das Versagen Europas im Kampf gegen den Terror. Die Dschihadisten breiten sich über die ganze Sahelregion aus.

Kommentar von Anna Reuß

Sie wollten Mali von Chaos und Anarchie befreien, erklärten die Putschisten, alle Angehörige der Armee. Ein "Nationales Komitee für die Errettung des Volkes" würden sie nun schaffen. Mali, so begründen sie ihre Meuterei, versinke immer mehr in Unsicherheit. Schuld seien diejenigen, die bislang für das Schicksal des Landes verantwortlich waren. Was liegt näher, als sich ihrer zu entledigen? Die Soldaten machten den Coup schließlich perfekt, als sie Präsident und Premier festnahmen.

Zuletzt hatten 2012 Armeeangehörige einen Putsch angezettelt. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich griff ein, seitdem ringt das Land um Stabilität. Stattdessen breiten sich Chaos und Gewalt aus, ohne dass die von der EU gestützte, im Volk unbeliebte Regierung dem etwas entgegenzusetzen wusste. Der Präsident galt als inkompetent, die Wahlen im Frühjahr waren von der Entführung des Oppositionsführers überschattet - er ist bis heute verschwunden. Diese Ohnmacht im Land erklärt wohl auch die Bilder jubelnder Menschen, die sich am Dienstag in sozialen Medien verbreiteten.

Dass ein Militärputsch das Land aus dem Chaos befreien wird, ist schwer vorstellbar. Indem sie den Präsidenten zum Rücktritt zwangen, haben die Aufständischen ein Vakuum geschaffen, das gefährlich für das Land, für die ganze Region ist. Es könnte den taumelnden Staat in die Knie zwingen. In Teilen des Landes hatte die Regierung die Kontrolle längst verloren, die Korruption grassiert, es gibt kaum wirtschaftliche Entwicklung. Hinzu kommt das Sicherheitsproblem, das alles überschattet: Allein im ersten Halbjahr wurden mehr als 1800 Menschen von Terroristen oder Milizen getötet.

Zwar streben die Meuterer angeblich faire Wahlen an, kurzfristig könnte Mali aber noch instabiler werden. Die Staatschefs der Region lassen sich von dem Bekenntnis zum guten Willen wohl kaum täuschen. In den Nachbarstaaten schaut man vermutlich mindestens mit Skepsis - eher mit begründeter Angst - nach Mali. Für die Region wäre es verheerend, wenn sich auch dort Teile der Armee vom malischen Modell anstecken ließen.

Die Meuterei und das Bedrohungsszenario, das sie auf einen Schlag geschaffen hat, sind auch die Konsequenz aus dem schlecht verlaufenden "Kampf gegen den Terrorismus", der nicht verhindert hat, dass sich die Dschihadisten über die ganze Sahelregion ausbreiten. Staaten wie Burkina Faso erlebten einen regelrechten Zerfall binnen weniger Jahre. In Niger griffen vor zwei Wochen Terroristen eine französische Reisegruppe an. Ein Anschlag auf einen Armeeposten in der Elfenbeinküste zeigte, dass die Terroristen an allen Fronten expandieren.

Die Europäer und ihre Verbündeten wollten in diesem Winkel der Welt einen Konflikt militärisch lösen und erlebten stattdessen, wie die Zahl der Anschläge stieg. Sie sind gescheitert. Die Sahel-Strategie umfasste nie den "gesamtheitlichen Ansatz", den Experten und Entwicklungshelfer gefordert hatten. Deutsche Wissenschaftler nannten sie gar "konfliktverschärfend": Einerseits schlecht ausgestattete und zum Teil korrupte Armeen zu ertüchtigen und andererseits nach afghanischem Vorbild "Herzen und Hirne" gewinnen zu wollen, habe nicht funktioniert. Dass nun der Staat Mali vor Teilen des Militärs kapitulieren musste und jemand mit der Waffe in der Hand nach der Macht greift, ist der Beleg dafür.

© SZ vom 20.08.2020

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