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Malawi:Weiß ist eine gefährliche Farbe

Mindestens 65 teils tödliche Angriffe auf Albinos gab es in Malawi seit Anfang vergangenen Jahres.

(Foto: Gianluigi Guercia/AFP)

Die von Aberglauben getriebene Jagd auf Menschen mit Albinismus greift auf das Land über.

Esnad Chiguluri sitzt in der Abendsonne vor ihrem Haus am Rand von Balaka, einer Kleinstadt im Zentrum von Malawi; um sich herum ihre fünf Kinder. Eines davon ist Lynda, 14 Jahre alt, und eine Kleinigkeit ist anders an ihr als an ihren Geschwistern: Ihre Haut ist hell, wie bei einer Nordeuropäerin, zudem ist sie sehr kurzsichtig. "Ich habe keine Ahnung, warum sie mit dieser hellen Haut geboren ist", sagt die Mutter, "aber ich weiß, dass sie ein wundervolles Mädchen ist, und dass ich sie liebe wie meine anderen Kinder auch."

Sie wolle später einmal Krankenschwester werden, sagt das Mädchen. Dafür gehe sie gern zur Schule, auch wenn es oft anstrengend sei, zu entziffern, was der Lehrer an die Tafel schreibt. Lynda Chiguluri ist mit Albinismus geboren, einer genetisch bedingten Pigmentstörung, die in diesem Teil Afrikas relativ häufig ist und neben heller, sonnenempfindlicher Haut oft eine Sehschwäche mit sich bringt. Damit nicht genug: Neuerdings kann Albinismus in Malawi auch lebensgefährlich sein.

Vor einigen Wochen, Lynda war auf dem Heimweg von der Schule, rief ihr eine Bekannte zu, es sei ein Auto unterwegs, die Männer darin suchten sie und wollten sie gefangen nehmen. Sie rannte, versteckte sich, schlich erst in der Dämmerung heim. Was an der Warnung dran war, wissen weder sie noch ihre Mutter - doch seither macht sie sich nur noch in Begleitung einer Gruppe Freundinnen auf den Schulweg.

Menschen mit Albinismus sind in Malawi einiges gewohnt; Ausgrenzung, Vorurteile, Spott und die Frage, ob ihre "Krankheit" ansteckend sei. Doch jetzt leben viele von ihnen in Todesangst: Seit Anfang 2015 haben die Behörden 65 zum Teil tödliche Angriffe auf Menschen mit Albinismus registriert; die Dunkelziffer liegt wohl wesentlich höher. Jetzt hat auch Präsident Peter Mutharika das Thema zu einem nationalen Problem erklärt - die "beschämende" Angriffswelle sei getrieben von "Aberglaube, Dummheit und Unwissenheit". Man habe Beamte ins benachbarte Tansania entsandt, um von den Erfahrungen der dortigen Kollegen zu lernen.

In der Tat hat Tansania reichlich schmerzliche Erfahrung mit dem Thema: Dort hatten sich 2014 die Morde an Menschen mit Albinismus gehäuft; deren Körperteile gelten in gewissen Kreisen als Glücksbringer, etwa unter manchen Politikern, die sich dadurch bessere Wahlchancen erhoffen. Die tansanische Regierung verhängte daraufhin ein Berufsverbot für traditionelle "Heiler", die oft den mörderischen Aberglauben propagieren. Aktivisten wie Overstone Kondowe vom "Verband der Menschen mit Albinismus in Malawi" (Apam) sehen einen auffälligen zeitlichen Zusammenhang: "Seit die Tansanier das Phänomen bekämpfen, nehmen bei uns die Attacken zu. Möglich, dass die Täter sich schlicht neue Jagdgründe suchen."

Schätzungen der UN zufolge werden auf dem Schwarzmarkt bis zu 67 000 Euro für einen vollständigen Albino-Körper gezahlt. Die UN-Menschenrechtsbeauftragte Ikponwosa Ero, die im April nach Malawi reiste, um die jüngste Angriffswelle zu untersuchen, sagte anschließend, wenn dem tödlichen Aberglauben nichts entgegengesetzt werde, drohe den rund 10 000 Menschen mit Albinismus im Lande mittelfristig die "Auslöschung".

© SZ vom 02.06.2016

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