London Assange droht  Auslieferung in die USA

Der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks wird nach sieben Jahren in Ecuadors Botschaft in London verhaftet. Auch in Schweden könnten die Ermittlungen gegen ihn neu aufgenommen werden.

Von Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Nicolas Richter

Julian Assange nach der Festnahme. Ein Gericht befand ihn umgehend für schuldig, gegen Kautionsauflagen verstoßen zu haben.

(Foto: Henry Nicholls/Reuters)

Nach seiner Festnahme in London muss Wikileaks-Gründer Julian Assange damit rechnen, in die USA ausgeliefert zu werden. Das bestätigte die britische Polizei am Donnerstag in London. In den USA ist Assange angeklagt worden, im Jahr 2010 gemeinsam mit der Whistleblowerin Chelsea Manning das Passwort für einen Regierungscomputer geknackt zu haben. Damit soll laut Klageschrift eine Verabredung vorliegen, sich unerlaubten Zugang zu einem Rechner verschafft zu haben. Assanges Website Wikileaks veröffentlichte 2010 und 2011 Hunderttausende vertrauliche US-Regierungsdokumente. Durch das Knacken des Passworts sollen Manning und Assange an 250 000 vertrauliche US-Botschaftsdepeschen gelangt sein. Die Straftat, die Assange nun vorgeworfen wird, ist weniger schwerwiegend als die der Spionage, die offenbar zeitweise von der US-Regierung erwogen worden war. Daher sollen Assange jetzt maximal fünf Jahre Haft drohen, und nicht mehr, wie zeitweise vermutet, die Todesstrafe.

Donald Trump twitterte am Dienstag, er kenne sich mit Wikileaks nicht aus. Die Verhaftung Assanges sei "nicht seine Sache".

Der 47-jährige Hacker und Internetaktivist Assange hat sieben Jahre in der Botschaft Ecuadors in London verbracht und war damit vor dem Zugriff der USA geschützt. Am Donnerstag aber beendete Ecuadors Regierung das Asyl, Staatschef Lenín Moreno erklärte, Assange habe gegen Vorschriften verstoßen.

Am Vormittag wurde Assange von britischen Polizeibeamten aus der Botschaft herausgetragen und von einem Gericht wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen verurteilt. Der gebürtige Australier lebte seit 2012 in der ecuadorianischen Botschaft und verließ sie nie. Er war dorthin geflüchtet, weil er fürchtete, wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung an Schweden ausgeliefert und von dort den USA übergeben zu werden. Seit 2017 besaß Assange auch Ecuadors Staatsbürgerschaft. Sein Asylstatus wurde infrage gestellt, nachdem in Ecuador im Mai 2017 Lenín Moreno das Amt des Präsidenten übernommen hatte. Moreno erklärte, man habe die Garantie Londons, Assange werde nicht an ein Land ausgeliefert, in dem ihm die Todesstrafe drohen könnte.

Der britische Außenminister Jeremy Hunt dankte Ecuador. Assange habe sich seit Jahren der Justiz entzogen. Die vorläufigen Ermittlungen in Schweden gegen Assange waren 2017 eingestellt worden, sie könnten jedoch bis 2020 wieder aufgenommen werden. Die Anwältin einer Frau, die mit Vorwürfen von sexueller Belästigung die Ermittlungen gegen den Wikileaks-Gründer in Schweden ausgelöst hatte, teilte mit, sie wolle, dass der Fall nun neu aufgerollt werde.

Heftig kritisierte Assanges Nachfolger als Wikileaks-Chefredakteur die Verhaftung. Der isländische Journalist Kristinn Hrafnsson sagte der SZ, das Verhalten der ecuadorianischen Regierung sei nicht akzeptabel. Hrafnsson sagte weiter: "Das ist eine grobe Verletzung der Pressefreiheit und würde einen folgenschweren Präzedenzfall schaffen. Kein Journalist wäre mehr irgendwo vor den Vereinigten Staaten sicher."