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Liu Xiaobo erfährt von Friedensnobelpreis-Vergabe:Treffen unter Tränen

Der inhaftierte chinesische Bürgerrechtler Liu Xiaobo weiß nun offenbar, dass er den Friedensnobelpreis erhält - und widmet die Auszeichnung sogleich den Toten des Tiananmen-Massakers. Seine Frau Liu Xia soll inzwischen unter Hausarrest stehen.

Der diesjährige Friedensnobelpreisträger, der chinesische Dissident Liu Xiaobo, widmet die Auszeichnung nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation den Opfern des Massakers auf dem Pekinger Tiananmen-Platz 1989. Dies habe Liu seiner Frau Liu Xia gesagt, als diese ihn im Gefängnis im nordostchinesischen Liaoning besucht habe, erklärte die in New York ansässige Organisation Human Rights in China (HRIC). "Dieser Preis ist den verlorenen Seelen vom 4. Juni gewidmet", zitierte Liu Xia demnach ihren Mann im Gespräch mit HRIC. Die Opfer des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens hätten ihr Leben "für den Frieden, die Freiheit und die Demokratie" gegeben.

Liu Xia

Soll inzwischen unter Hausarrest stehen: Liu Xia.

(Foto: AP)

Laut HRIC dauerte der Besuch von Liu Xia bei ihrem inhaftierten Mann etwa eine Stunde. Gegen Ende des Treffens sei der 54-jährige Dissident in Tränen ausgebrochen. Von der Ehrung selbst wusste Liu offenbar schon - er habe davon am Samstagabend durch die Gefängnisverwaltung erfahren. Liu ist in Jinzhou 500 Kilometer von Peking entfernt inhaftiert.

Dass Lius Frau und ein enger Freund überhaupt von dem Preisträger berichten können, grenzt an ein Wunder - und ist dem Internet zu verdanken. Die beiden teilten sich in Twitter-Botschaften mit.

Liu Xia schrieb, sie sei am Tag der Preisverkündung am Freitag unter Hausarrest gestellt worden und könne auf ihrem Handy keine Anrufe mehr empfangen. Der Zugang zur Wohnung des Ehepaares in der Hauptstadt wurde am Sonntagabend von einem halben Dutzend Männern blockiert. Journalisten wurde der Zugang verwehrt. Auch die Zufahrt zum Gefängnis in Jinzhou war vorübergehend mit einer Straßensperre abgeriegelt; Medienvertreter durften nicht passieren.

Die Sperre und das Aufgebot an Sicherheitskräften wurden am Sontagnachmittag nach und nach wieder abgezogen. Nach Angaben von Angehörigen war Liu Xia unter Polizeibegleitung nach Jinzhou gebracht worden. Die Sorge um sie wuchs, je länger sie nicht erreichbar war. "Brüder, ich bin zurück", twitterte sie nun. "Habe Xiaobo getroffen." Die Botschaft wurde von dem befreundeten Dissidenten Wang Jinbo bestätigt. Liu Xia habe ihm mitgeteilt, dass sie streng bewacht werde und Medien und Freunde nicht empfangen könne, schrieb er in einer Twitter-Message.

Liu Xiaobo habe seiner Frau gesagt, der Preis "geht zuerst" an jene, die bei dem Militäreinsatz gegen Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989 gestorben seien. "Xiaobo war in Tränen aufgelöst", schrieb er. Das Nobel-Komitee in Oslo würdigte mit der Preisverleihung an den 54-jährigen Literaturprofessor dessen jahrzehntelanges Eintreten für Menschenrechte und friedlichen demokratischen Wandel, von den Demonstrationen der Demokratiebewegung 1989 bis zu dem Reformmanifest "Charta 08", das Liu eine elfjährige Haftstrafe einbrachte.

In den amtlichen chinesischen Medien wird seine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis weitgehend totgeschwiegen. Peking betrachtet Liu als Kriminellen und hatte dem unabhängigen Nobelkomitee vergebens mit einer Verschlechterung der chinesisch-norwegischen Beziehungen gedroht. Menschenrechtsaktivisten und Anhänger Lius wurden von der Staatsgewalt weiter unter Druck gesetzt. Der Sohn des Pekinger Bürgerrechtler Wang Lihong berichtete, sein Vater sei nach Polizeiangaben für acht Tage eingesperrt worden, weil er nach der Bekanntgabe des Preises am Freitag an einer kurzen Demonstration in einem Park teilgenommen habe. Einige der bekanntesten Bürgerrechtsanwälte berichteten ebenfalls von Schikane durch die Polizei.

Karikatur zeigt Medaille hinter Gittern

Die chinesische Regierung äußerte sich am Samstag nicht zu der Auszeichnung für den Dissidenten und Bürgerrechtler. In einem Kommentar der staatlichen Zeitung Global Times hieß es auf Englisch, mit der Verleihung des Friedensnobelpreises solle China verärgert werden. Dies werde jedoch keinen Erfolg haben, "im Gegenteil, das Komitee hat sich blamiert". In der chinesischen Ausgabe der Zeitung wurde die Verleihung als "arrogantes Anschauungsprojekt westlicher Ideologie" bezeichnet.

Ein chinesischer Karikaturist veröffentlichte aber in seinem Blog am Freitag die Zeichnung einer Nobelpreismedaille hinter Gittern. Der bekannte Blogger Ran Yunfei schrieb, in einer Zeit, in der das Internet Informationen allmählich jedermann zugänglich mache, entspreche es "hoffnungslos dummem Verhalten" zu versuchen, die Nachricht über die Auszeichnung Lius vor den Chinesen fernzuhalten. Aktivistenanwälte beklagten am Samstag, sie würden von der Polizei belästigt. Die Anwälte Pu Zhiqiang, Jiang Tianyong und andere erklärten, sie dürften ihre Wohnungen nicht verlassen. Die Regierung wisse nicht, wie sie auf die Nachricht reagieren solle. Sie sei nervös, ängstlich und agiere chaotisch, sagte Pu.

Lammert appelliert an Peking

Bundestagspräsident Norbert Lammert forderte in Leipzig die Freilassung von Liu Xiaobo. Er verwies auf die Verleihung des Friedensnobelpreises 1975 an den russischen Physiker und Bürgerrechtler Andrej Sacharow. Das damalige sowjetische Regime habe empört reagiert und Sacharaow die Ausreise verweigert.

Er wolle nun einen Appell an die chinesische Regierung richten: "Nehmt die Botschaft dieses Preise ernst. Lasst Liu Xiaobo frei und gebt ihm die Gelegenheit, den Preis in Oslo entgegenzunehmen und die Botschaft dieses Preises nach Peking zurückzubringen."

© dpa/AFP/dapd/odg/juwe
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