Libyens Ex-Diktator nutzt Wasser als Druckmittel:Gaddafis teuflische Wasser-Strategie

Die Hand am Hahn: Muammar al-Gaddafi versucht, die Trinkwasserversorgung für Tripolis zu kappen. Die libysche Hauptstadt wird über ein Tausende Kilometer langes Kanalsystem mit Wasser versorgt - doch regimetreue Truppen kontrollieren die wichtigsten Pumpstationen. Saboteure könnten die neue Regierung jahrelang schwächen.

Tomas Avenarius, Tripolis

Der gestürzte Diktator dreht seinem Volk das Wasser ab: Libyens Ex- Machthaber Muammar al-Gaddafi versucht weiter, die Trinkwasserversorgung von Tripolis zu unterbrechen. Ein guter Teil des Wüstenlandes - allen voran die Hauptstadt - hängt am Tropf eines gigantischen Kanalsystems, mit dem Gaddafi Trink- und Brauchwasser aus dem Süden in den besiedelten Küstenstreifen im Norden brachte.

Gaddafi und seine Familie

Schon bald könnte in Libyen das Wasser knapp werden. Denn das alte Regime nutzt die Wasserleitungen als Druckmittel. Klicken Sie für den Verlauf der strategischen Wasserleitungen nach Tripolis und für die möglichen Aufenthaltsorte des Gaddafi-Clans auf die Karte.

(Foto: SZ-Grafik)

Die neuen Machthaber mögen den Diktator also vertrieben haben, bevor sie den Süden mit seinen riesigen Wüsten nicht kontrollieren, können sie jedoch die Versorgungslage im Land nicht stabilisieren. Internationale Hilfsorganisationen warnen vor einem lange andauernden Wassernotstand. Denn die wichtigsten Pumpstationen für den "großen, von Menschenhand gemachten Fluss" liegen rund um die Garnisonsstadt Sabha. Und die wird weiter von Gaddafi-Truppen gehalten.

Kurz nach dem Einmarsch der Rebellen war die Wasserversorgung in Tripolis fast vollständig zusammengebrochen. Nach dem Fall der Stadt hatten Gaddafi-Truppen die zentrale Station in Hassuna angegriffen. "Die Ingenieure sind geflohen, kehren aus Angst nicht zur Arbeit zurück", hatte Mohamed Omeish von der "Koalition des 17. Februar" in Tripolis vergangene Woche der Süddeutschen Zeitung bestätigt.

Offenbar drohen Regimetruppen weiter, das Wassersystem zu beschädigen. Die neue Regierung könnte bald Mühe haben, das Leben in Tripolis zu organisieren: Das Wasser würde dauerhaft knapp, wenn das komplizierte Kanalsystem ruiniert werden sollte. Auch die Stromversorgung bricht immer wieder zusammen: Es fehlt an Brenn- und Treibstoff für die Kraftwerke und Generatoren.

Die Millionenstadt am Mittelmeer hat kaum eigene Wasserreserven. Rund drei Viertel der Versorgung kommt aus dem künstlichen Fluss. Das gigantomane Projekt in der Wüste war Gaddafis "Pyramide", sein Vorzeigeobjekt für den vermeintlichen Platz im Geschichtsbuch. Er führt seit den neunziger Jahren fossiles Wasser aus zwei Lagerstätten im Südosten und im Südwesten in die Küstenregion. So werden Felder bewässert und Trinkwasserspeicher gefüllt. Träger ist ein die Wüste durchziehendes, unterirdischen Röhrensystem - der "Fluss" ist in Wahrheit ein Tausende Kilometer langes Pipelinenetz. Das Wasser aus Hunderten Tiefbrunnen wird durch Röhren geleitet, die vier Meter Durchmesser haben und über Pump- und Verteilstationen laufen.

Der Kampf um das Wasser könnte noch Jahre andauern

Der Betrieb der Brunnen und der Stationen ist hochkomplex und wird per Computer gesteuert. Das macht die Anlagen zum leichten Ziel für Saboteure, die noch jahrelang gegen die neue Regierung kämpfen könnten. Die Versorgung der Hauptstadt läuft von einer Pumpstation in Hassuna im Süden des Landes. Ein Kanal führt direkt nach Tripolis, ein zweiter Arm läuft über Gaddafis Heimatstadt Sirte. Auch Sirte ist noch in der Hand der Gaddafi-Truppen, auch diese Wasserweiche könnte leicht zerstört werden.

Eine Millionenstadt ohne Wasser - das könnte den Sieg der Revolution seinen Glanz kosten. Der Stadtchef von Tripolis verbreitet notgedrungen Optimismus: "Die Pumpanlage in Hassuna ist nicht zerstört", sagte Abdur-Razak Abu Hajjar zur SZ. "Sie ist nur außer Betrieb." Seine Botschaft: "Wir können sie bald wieder anfahren." Dafür aber müssen die Rebellen nach Hassuna kommen. Der Ort ist gut siebenhundert Kilometer entfernt.

Im Süden sind die Revolutionäre weit schwächer als an der Mittelmeerküste mit den Städten Bengasi, Misrata und Tripolis. Angeblich soll ein Team von Ingenieuren und Fachleuten nach Hassuna geflogen werden. Die Reparaturen könnten Wochen dauern - wenn es die Sicherheitslage gestattet. So könnte das größenwahnsinnige Projekt des künstlichen Flusses dem nach 41 Jahren an der Macht gestürzten Diktator ermöglichen, sein Volk noch sehr lange zu plagen.

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