Ausschreitungen in Tobruk und Tripolis:Sorge vor neuer Gewalt in Libyen

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Ausschreitungen in Tobruk und Tripolis: Brennendes Parlament in Tobruk: "Wir wollen Wahlen", skandierten die Demonstranten.

Brennendes Parlament in Tobruk: "Wir wollen Wahlen", skandierten die Demonstranten.

(Foto: STRINGER/REUTERS)

"Wir wollen Licht": In Tobruk brennt das Parlament, in Tripolis werden Barrikaden errichtet. Auslöser der Wut sind hohe Preise, eine Hitzewelle - und der Machtkampf an der Staatsspitze.

Von Mirco Keilberth, Tunis

In Libyen wächst nach Ausschreitungen in mehreren Städten die Sorge vor weiterer Gewalt. In der Hauptstadt Tripolis wurden viele Straßen mit Sandbarrieren und Lastwagen versperrt, um die Ankunft von bewaffneten Gruppen aus dem Umland zu verhindern. Auf dem Märtyrerplatz im Zentrum der Stadt hatten am Wochenende meist junge Libyer gegen die langen Schlangen vor den Tankstellen, den Wertverlust des libyschen Dinars und die seit Beginn des Ukraine-Krieges stark gestiegenen Lebensmittelpreise demonstriert. Überall in der Stadt waren mit roten Strichen durchkreuzte Fotos der beiden rivalisierenden Regierungschefs Fathi Baschagha und Abdul Hamid Dbaiba zu sehen. Neben der grassierenden Korruption wird vor allem deren Machtkampf für die Lähmung des Regierungsapparates verantwortlich gemacht.

In der Stadt Tobruk im Osten des Landes hatten wütende Demonstranten am Freitagabend das Parlament angegriffen, Steine geworfen und Feuer gelegt. "Wir wollen Licht" und "Wir wollen Wahlen" skandierte die Menge und forderte die Absetzung der Parlamentarier, die 2014 nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi demokratisch gewählt worden waren. In sozialen Medien war das Video eines Bulldozers zu sehen, der ein Tor des Parlaments rammt. Auch in anderen Städten kam es nach Berichten von Augenzeugen zu Protesten, darunter die Küstenstädte Misrata, Sirte und Bengasi sowie Sabha im Süden.

Brennende Barrikaden lösen Hamsterkäufe aus

Auslöser der Wut ist auch eine Hitzewelle mit für Juni ungewöhnlichen Temperaturen von 47 Grad, die zu einem Zusammenbruch der Stromversorgung im ganzen Land geführt hat. "Bei bis zu 20 Stunden langen Stromausfällen verderben viele Lebensmittel in wenigen Stunden, die dadurch höhere Nachfrage führt zu Preisen, die sich selbst gut verdienende Beamte nicht leisten können," sagte ein Lehrer aus Tripolis der SZ.

Brennende Barrikaden in mehreren Bezirken von Tripolis haben zudem erste Hamsterkäufe ausgelöst, denn viele Hauptstädter fürchten die Rückkehr der Gewalt. 2019 hatte die ostlibysche Armee von Feldmarschall Chalifa Haftar mit Hilfe der russischen Söldnerfirma Wagner versucht, Tripolis einzunehmen. Doch mit militärischer Hilfe der Türkei konnte die Regierung in Tripolis den Angriff nach 18 Monaten zurückschlagen.

Ein Alliierter Haftars ist der Geschäftsmann Bashagha, der am 10. Februar durch das libysche Parlament zum Regierungschef bestimmt worden war. Sein Konkurrent Dbaiba war ein Jahr zuvor von einer Wahlkommission als Übergangspremier eingesetzt worden, mit dem Segen der Vereinten Nationen. Doch als die ursprünglich für vergangenen Dezember geplanten Wahlen aus Sicherheitsgründen abgesagt wurden, blieb Dbaiba einfach im Amt.

Zwei Versuche des Geschäftsmanns Baschagha die Amtsgeschäfte von seinen Konkurrenten in Tripolis zu übernehmen, wurden von Milizen verhindert. Seitdem kündigen beide Seiten ein baldiges Aus des gegnerischen Lagers an und versuchen das Milizenkartell in der Hauptstadt auf ihre Seite zu ziehen.

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