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Libanon:Fladen und Sarkasmus

Mark Darido und Roudy Hanna kleben ihre Diplome an die Mauer, hinter der sich Libanons Regierung verschanzt.

(Foto: privat)

Junge arbeitslose Akademiker protestieren gegen ihre neue Regierung. Die hat "schmerzvolle Schritte" angekündigt, ruft den IWF an, um den Haushalt zu sanieren.

Den Ratschlag der designierten Arbeitsministerin nahmen Mark Darido und Roudy Hanna einfach wörtlich. Arbeitslose Jugendliche sollten halt Snacks verkaufen oder andere Jobs im Niedriglohnsektor annehmen, hatte Lamia Yammine Ende Januar gesagt, nur wenige Tage, nachdem sie für ihr Amt nominiert worden war. Die Mehrheit der Demonstranten, die mit ihren seit Mitte Oktober anhaltenden Protesten gegen Korruption, Misswirtschaft und Arbeitslosigkeit die vorherige Regierung zu Fall brachten, fanden das zynisch. Darido und Hanna, die nach eigenen Angaben von ihren Arbeitgebern gefeuert wurden, weil sie seit dem ersten Tag demonstrierten, bauten am Platz der Märtyrer in Beirut einen Imbissstand auf. "Wir haben unsere Universitätsdiplome neben die Speisekarte gehängt und verkaufen nun in Business-Anzügen Manakisch", erzählt Darido am Telefon - Manakisch sind eine Art libanesische Thymianpizza. "Wir sind gefeuert worden, aber geben nicht auf", ist das Motto ihres Imbissstands, den sie "Fladen der Revolution" nennen.

Dass die designierte Ministerin nicht gerade zur Deeskalation beigetragen hat, zeigte sich am Dienstag: Premier Hassan Diab rief das Parlament für ein Vertrauensvotum für sein neues Kabinett zusammen, und um "schmerzvolle Schritte" anzukündigen. Die Staatsverschuldung ist außer Kontrolle geraten, in Relation zum Bruttosozialprodukt ist sie die dritthöchste weltweit. Seine Regierung hat Diab unter das Motto "Herausforderungen begegnen" gestellt, die erste Schwierigkeit war es jedoch bereits, überhaupt ins Parlament zu gelangen. Das war von Zehntausenden Demonstranten umstellt, die die Sitzung verhindern wollten - in ihren Augen bietet die neue Regierung keinesfalls den geforderten radikalen Politikwechsel. Bei Straßenschlachten wurden Hunderte verletzt, am Ende fand die Sitzung statt.

Dass er es mit den "schmerzhaften Schritten" ernst meint, bewies Diab einen Tag später: Am späten Mittwochabend lud er den Internationalen Währungfonds ein, sein Kabinett bei der Finanzpolitik und einer Neustrukturierung von Ausgaben und Schulden zu beraten. Da sich derzeit wenige Experten vorstellen können, wie das Land eine im März fällige Eurobond-Anleihe in Höhe von 1,1 Milliarden Euro zurückzahlen soll, ist das einerseits dringend nötig. Andererseits fürchtet die Protestbewegung, dass es nicht die korrupte Elite sein wird, die Opfer bringen muss. Sondern Arbeitslose, Rentner, Kranke.

Um es der Politik schwerer zu machen, die Situation des Volks auszublenden, haben sich Darido und Hanna wieder etwas ausgedacht: An die "Mauer der Schande" - so nennen Demonstranten den Betonwall, der zu Beginn der Proteste eilig um den Regierungssitz errichtet wurde - haben sie Kopien ihrer derzeit wertlosen Diplome geklebt, viele haben es nachgemacht. "Humor und Sarkasmus waren von Anfang an eines unserer Mittel", sagt Hanna. "Und wir werden davon noch viel brauchen: Eine Revolution ist kein Sprint, sondern ein Marathon."

© SZ vom 14.02.2020

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