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Lehren aus Pegida:Es herrscht ein politisches Integrationsdefizit

Und die Bürger? Legitimieren zunächst einmal Politiker durch Wahlen, Parteien und andere Organisationen durch ihre Mitgliedschaft, bezahlen für Informationen aus den Medien. Außerdem brauchen die Vereine und Kirchengemeinden ehrenamtliche Mitarbeiter. Engagement ist außerdem auf Bürgerversammlungen, über Leserbriefe und auf Wahlveranstaltungen gefragt.

Doch so klappt das nicht immer, faktisch: immer seltener. Das zeigt sich zum Beispiel auf den Pegida-Demonstrationen. Mehr noch als um den Islam oder überhaupt Migration geht es den Demonstranten um Kritik an Politik, Medien und Öffentlichkeit. Der typische Pegida-Demonstrant, so steht es in einer Umfrage, ist parteilos, konfessionslos, misstraut Politik und Medien - und damit jenen Institutionen, die unser politisches System am meisten beeinflussen.

Er ist also im Grunde nicht integriert in den politischen Prozess, fühlt sich ausgeschlossen von gesellschaftlichen Debatten. Außer wenn er sich mit dem Gang auf die Straße ins Bewusstsein jener drängt, die ihn sonst ignorieren - so der Vorwurf.

Politisches Integrationsdefizit

Die Demonstranten von Dresden sind nicht die einzigen mit so einem politischen Integrationsdefizit, sie sind nur gerade sehr laut. Dass die Deutschen in der Ära Merkel in politische Bräsigkeit abgesackt sind, ist vielfach beschrieben, oft auch beklagt worden. Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, ehrenamtliches Engagement verlieren an Bedeutung. An die Stelle langfristigen Engagements tritt allzu oft spontan und lokal aufflackernde Wut.

An dem beschriebenen Vertrauensverlust sind Parteien, Kirchen und andere Organisationen zu einem großen Teil selbst schuld. Gerade die Parteien tun sich schwer, nach den eher starren Grabenkämpfen des 20. Jahrhunderts ihren Platz in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft zu finden. Aber alleine können sie das auch nicht - und hier kommt wieder der Bürger ins Spiel.

Denn viele Bürger haben darauf keine Lust. "Die Welt ist mir zu viel - Und ich bin mir genug" schrieb die Zeit zum Jahreswechsel in einer Geschichte über den Erfolg von Wellness- und Einrichtungszeitschriften, Handarbeit und Entschleunigung. Autorin Julia Friedrich berichtet darin deutlich befremdet von der "Weltflucht" insbesondere der jüngeren Generation. Also der, die eigentlich die Welt prägen, verändern, für die Zukunft gestalten sollte.

Die Geschichte passt auf den ersten Blick nicht zu den allwöchentlichen Bildern von Pegida-Demonstrationen, zu den immer hitzigeren politischen Debatten in den sozialen Netzwerken. Und doch weist beides auf ein und dasselbe Problem hin. Eine Gesellschaft wie unsere kann nicht funktionieren, wenn sich immer mehr Menschen aus dem System zurückziehen. Sei es wütend und frustriert, wie die Pegida-Demonstranten. Oder auf die kuschelig-bürgerliche Wohlfühl-Weise, die Friedrich in der Zeit beschreibt.

Politik ist nicht immer befriedigend

Wer aufhört, sich für soziale Fragen, für das Leben jenseits der eigenen Blase zu interessieren und einzusetzen, ist für den politischen Prozess ebenso verloren wie die Demonstranten in Dresden, die "Lügenpresse" schreien und "der Politik" pauschal misstrauen.

Pegida wird zu Recht vorgeworfen, außer dumpfer Wut und diffusen Gefühlen nicht viel zur Diskussion beizutragen. Immerhin zwingen die Demonstranten aber auch Menschen, die ganz anders denken, zu einer Erkenntnis: Professionelle Akteure wie Politik und Medien können den Diskurs nicht alleine führen.

Die Politik muss auf die Menschen zugehen, sie ernst nehmen, heißt es oft. Das ist richtig. Doch Politiker müssen auf der anderen Seite auch Leute vorfinden, die bereit sind, sich mit dem politischen Prozess, mit seinem lästigen Kleinklein, mit dem Zustandekommen seiner oft unbefriedigenden Ergebnisse, auseinanderzusetzen. Vielmehr: sich sogar einzubringen.

Und gerade für diejenigen, die nicht wollen, dass Pegida und Co. die Schlagzeilen dominieren, gibt es nur eine logische Folge aus Dresden und Leipzig: Der Rückzug ins Private muss aufhören.

© Süddeutsche.de/mane/rus
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