Kurdische Eltern Für manche ist die PKK eine Art Emanzipationsprogramm

Firat Aydın soll gar erst 15 Jahre alt sein. "Er hat die Glasknochen-Krankheit", warnen seine Eltern, bei jedem Sturz könne er sich etwas brechen. "Er ist wie eine Kristallvase in den Bergen." Andere Mütter berichten von Söhnen mit Diabetes, ein Vater von einer vermissten Tochter mit psychischen Problemen.

Alle Eltern sagen, ihre Kinder seien entführt oder verführt worden. Dass für manche Mädchen die PKK auch eine Art Emanzipationsprogramm ist, ein Weg, dem Familiengriff zu entfliehen, ist ein offenes Geheimnis. Auf der PKK-freundlichen Webseite Özgür Gündem entgegnet denn auch eine Kämpferin: "Sie kommen aus freien Stücken." Und die Jüngsten schicke man nicht zum Kämpfen. Das aber scheinen Bilder von Teenagern mit Kalaschnikows zu widerlegen, die die Zeitung Hürriyet nun veröffentlicht hat.

"Fünfzehnjährige können keine politische Meinung haben", steht auf einem Protestplakat der Mütter. Deren Aktion bringt nicht nur die Kurdenpartei BDP in die Bredouille, sondern auch Erdoğan. Der braucht, will er im August Präsident werden, dringend die Stimmen der Kurden. Das haben die jüngsten Kommunalwahlen gezeigt. Allein hat Erdoğans Partei keine absolute Mehrheit mehr. Die Opposition spottet schon: Der Premier verbeuge sich "vor der PKK", sagt Haluk Koç, der Vizechef der größten Oppositionspartei CHP.

Von der BDP hörte man erst kaum etwas zu dem Mütter-Protest. Dann scheuchte die Stadtverwaltung in Diyarbakır die vor dem Rathaus sitzenden Demonstranten weg, worauf sie sich ein Stück entfernt wieder niederließen. Nun meinte BDP-Chef Selahattin Demirtaş, ein Teil der Familien werde vom Geheimdienst bezahlt. Erdoğan wiederum hat gedroht, wenn die PKK die Söhne und Töchter der Protestierenden nicht herausrücke, habe man noch "Plan B und C". Das hörte sich an, als ginge es mit dem ohnehin ins Stocken geratenen Friedensdialog nicht so richtig weiter.

Recep Tayyip Erdoğan Erdoğans Buchstaben-Reförmchen
Türkei

Erdoğans Buchstaben-Reförmchen

Q, X und W sind in der Türkei bisher tabu, weil sie zum kurdischen Alphabet gehören: Jetzt will der türkische Ministerpräsident Erdoğan die Benutzung der Buchstaben wieder erlauben. Für ihn ist es mehr als nur ein symbolischer Schritt.

Die Mütter und Väter sagen: "Wir wollen Frieden und unsere Kinder." Dafür haben sie schon einiges getan, bevor ihr Protest Schlagzeilen machte. Viele haben ihre Kinder auf eigene Faust gesucht. Fatma Tufan aus der Provinz Bingöl, hat sich, als ihr Sohn weg war, ein Pferd geschnappt, ist von Dorf zu Dorf geritten und hat die Kämpfer aufgestöbert. Sie hat sie angefleht, ihren Jungen herauszugeben. Mit Erfolg.

Fahriye Alptekin aus Antwerpen suchte Kontakt zu hohen PKK-Funktionären in Europa und im Irak. "Sie haben mir gesagt, wenn jeder wie du seinen Sohn zurückfordert, wie sollen wir dann den Krieg fortsetzen?" Einmal hat die Kurdin es sogar geschafft, Halil im Irak zu sehen: 2010, etwa ein Jahr nach seinem Verschwinden. "Sie haben mich in der Nacht in die Berge gebracht." Fahriye wollte Halil sofort mitnehmen. "Das geht nicht, haben sie mir gesagt." Ihr Sohn habe geweint. "Wer weint", sagt die Mutter, "kann dort nicht freiwillig sein".