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Künstliche Intelligenz:Curlys Gespür für Eis

Ein neuer Roboter schlägt Spitzensportler im Curling. Es ist nach Schach, Go und Poker die nächste Disziplin, in der Menschen einer Maschine den Vortritt lassen müssen.

Von Patrick Illinger

Wenn Sportler sich auf eine Eisbahn begeben, kiloschwere Steine herumschubsen und die gefrorene Oberfläche mit Besen bearbeiten, wirkt das auf unbedarfte Betrachter so exotisch wie ein fernöstliches Tempelritual. Doch für Fans und Spieler ist Curling die perfekte Kombination aus Taktik und Geschick. Die Grundidee ist bayerischen Eisstockschützen oder Freunden der französischen Boule-Varianten vertraut: Die runden, fast 20 Kilogramm schweren Curlingsteine müssen möglichst nah an ein Ziel am anderen Ende der Bahn gesetzt werden. Wegen der vielen taktischen Möglichkeiten heißt Curling auch "Schach auf Eis".

Vielleicht war Schach das Stichwort, das Forscher der University of Korea dazu brachte, gemeinsam mit dem Künstliche-Intelligenz-Experten Klaus-Robert Müller von der TU Berlin, Curling als neue Herausforderung für maschinelles Lernen auszuwählen. Herausgekommen ist ein Roboter namens "Curly", der gut genug ist, um menschliche Spitzenspieler zu schlagen.

Curling ist somit nach Schach, Go und Poker die nächste Disziplin, in der Menschen einer Maschine den Vortritt lassen müssen. Im Unterschied zu Brett- oder Kartenspielen braucht Curly allerdings auch mechanische Fähigkeiten, die robotische Version von Fingerspitzengefühl. Die mit einer Art Bügeleisengriff versehenen Curling-Steine brauchen nicht nur Anschub, sondern auch den richtigen Dreh, damit sie auf gekrümmten Bahnen an gegnerischen Steinen vorbeiziehen.

In mehreren Testspielen gegen koreanische Nationalspieler hat Curly bewiesen, dass er sowohl die Granitsteine behutsam und gekonnt auf ihren Weg über das Eis schickt, als auch die richtigen taktischen Entscheidungen trifft - zum Beispiel bei der Frage: Legen oder schießen? Je nach Position der gegnerischen Spielsteine ist es klüger, den eigenen Spielstein behutsam näher ans Ziel zu bringen oder einen gegnerischen Stein wegzuschubsen. Curly hat eine Art Kopf, den er vor seinem Wurf ausklappt, um die Bahn sowie die Anordnung der bereits gespielten Steine zu scannen. Dann duckt er sich, gibt seinem Curling-Stein die richtige Rotation und schickt ihn auf den Weg.

Anders als bei einem Brettspiel wie Go, das die Computersoftware Alpha Go in Hunderttausenden virtuellen Testpartien gelernt hat, muss Curly aus weniger Daten lernen und mit sogenannter Nichtstationarität klarkommen, der sich während eines Matchs ständig ändernden Eisbeschaffenheit zum Beispiel. Und zum Nachdenken hat er nicht ewig Zeit. Im Curling gelten strenge Zeitlimits.

Curly beeindruckt nun nicht nur die Sportwelt, sondern auch Fachleute. "Den sah ich nicht kommen", staunt der Robotik-Experte Matt Simon von der Zeitschrift Wired. Insbesondere Curlys Fähigkeit, mit der echten Welt klarzukommen, und nicht nur einem virtuellen Spielbrett, sehen Experten als wichtigen Schritt auf dem Weg zu künftigen, autonom agierenden Alltagsrobotern.

Auf die Frage, ob Curly demnächst auch bayerische Eisstockschützen besiegen werde, scherzt Klaus-Robert Müller: "Dafür sollte der Roboter noch robuster werden. Und wir müssten, denke ich, den Antrieb von Elektro auf Topinamburschnaps umstellen."

© SZ vom 28.09.2020

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