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Kuba:Politische Weißkittel-Allergie

Warum ins Ausland entsandte Ärzte heimkehren.

Als Mitte November 224 Ärzte auf dem Flughafen von Havanna landeten, wurden sie gefeiert wie Helden. Die Mediziner waren auf dem Rückweg aus Bolivien, der kubanische Staat hatte sie dorthin entsandt. Kaum zurück auf der Insel, bekamen sie nun Blumen in die Hand gedrückt, Fahnen wurden geschwenkt, und der Gesundheitsminister höchstpersönlich lobte ihre Taten: 1,5 Millionen Operationen hätten sie in ihrem Einsatzgebiet vorgenommen, dazu Millionen bolivianische Patienten beraten. Applaus, Nationalhymne, was für eine Erfolgsgeschichte! Dumm nur, dass diese nun zu Ende ist.

Denn zurückgekehrt waren die Ärzte nicht ganz freiwillig. Die rechtsreligiöse Übergangsregierung in Bolivien hatte sie des Landes verwiesen. Für die Doktoren bedeutete das eine überstürzte Abreise, für die Patienten den Verlust ihres Arztes - und für Kuba ein ernsthaftes Problem. Denn Bolivien ist nicht das einzige Land in Lateinamerika, das keine kubanischen Mediziner mehr will.

Dabei genießen diese eigentlich einen exzellenten Ruf. Dank ihnen ist die Lebenserwartung in Kuba heute höher als in den USA und die Kindersterblichkeit geringer, und das trotz allgemeinen Mangels. Der freie Zugang zur Gesundheitsversorgung ist einer der Grundpfeiler der sozialistischen Revolution. Dazu sind die Ärzte seit Jahrzehnten ein beliebtes außenpolitisches Instrument für Havanna. 50 000 kubanische Doktoren, Pfleger und medizinische Fachkräfte arbeiten heute in mehr als 60 Ländern. Eine "Armee in weißen Kitteln", hat Fidel Castro sie einmal genannt, Kritiker dagegen glauben, "moderne Sklaven" träfe es besser.

Nicht alle Mediziner gingen freiwillig ins Ausland, heißt es. Sie dürfen nur einen Bruchteil des Geldes behalten, das die Empfängerländer für ihre Dienste an Havanna überweisen. Bis zu 90 Prozent soll der kubanische Staat einstreichen, schätzen Organisationen der kubanischen Opposition. Offiziell dient das Geld dazu, das kostenlose Gesundheitssystem auf der Insel zu finanzieren. Experten glauben aber, dass Kuba die Ärzte vor allem dazu benutzt, um an Dollar zu kommen. Elf Milliarden spülen die Entsendeprogramme jedes Jahr in die Kassen, das macht sie zur mit Abstand wichtigsten Devisenquelle, noch vor dem Tourismus.

So wie ein kranker Patient am Tropf hängt, so ist auch Kuba längst abhängig von den Einnahmen aus dem Mediziner-Export. Darum trifft es die Insel hart, dass rechte Regierungen in Lateinamerika nun die lukrativen Ärzte-Abkommen kündigen. 700 Doktoren kommen jetzt aus Bolivien zurück, davor waren es 400 Ärzte aus Ecuador, und letztes Jahr musste Havanna mehr als 8000 Mediziner aus Brasilien abziehen, als dort der rechtsextreme Jair Bolsonaro die Wahlen gewann. Allein dies dürfte Kuba mehrere Hundert Millionen Dollar pro Jahr kosten, das ist hart, noch schlimmer ist der Abzug aber vermutlich für die Patienten. In Brasilien, zum Beispiel, hat es die Regierung immer noch nicht geschafft, alle frei gewordenen Stellen nachzubesetzen. Vor allem auf dem Land bleiben Praxen leer, und Kranke werden nicht versorgt. Immer mehr Politiker und Experten fordern darum die Rückkehr kubanischer Ärzte. Sie würden, so viel ist sicher, wie Helden empfangen werden.