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Bach und Zwanziger gegen EM-Boykott in Ukraine:Sportfunktionäre halten Boykott für "sinnlos und erfolglos"

Fünf Wochen vor der Fußball-Europameisterschaft gerät das autoritäre Regime in der Ukraine immer stärker unter Druck. Als erstes Mitglied der Bundesregierung hat sich Umweltminister Röttgen offen dagegen ausgesprochen, dass deutsche Politiker die Veranstaltung besuchen. Polen, der andere Gastgeber der EM, hält sich mit Kritik dagegen auffallend zurück - und deutsche Vertreter von IOC und Uefa wehren sich vehement gegen die Boykottforderungen.

Der IOC-Vizepräsident Thomas Bach und der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger haben sich vehement gegen einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine ausgesprochen. "Boykotte haben sich in der Vergangenheit immer als ebenso sinn- wie erfolglos erwiesen. Alle Verantwortlichen haben das inzwischen erkannt", sagte Bach dem Radiosender hr-INFO. Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) betonte, der Sport müsse "politisch neutral" sein. Nur dann könne er dazu beitragen, dass nicht Mauern gebaut, sondern Brücken errichtet würden. "Ohne politische Neutralität würde der Sport zwischen den Fronten zerrieben werden", sagte Bach.

Ukraine reagiert mit Unverständnis auf EM-Boykott-Berichte

Um das EM-Gastgeberland Ukraine ist heftiger Streit entbrannt (Im Bild: Die Hände der Maskottchen der Fußball-Europameisterschaft 2012 Slavek und Slavko halten einen offiziellen Ball).

(Foto: dpa)

Auch Zwanziger, Mitglied im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (Uefa), lehnt einen Boykott ab. "Eine Absage ist keine Alternative, damit haben wir in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht. Das ist reiner Populismus", sagte der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dem Sender. "Wir treten ein für Rechtstaatlichkeit und Demokratie, und dann müssen wir das überall tun, wo wir hingehen", meinte Zwanziger. Die deutsche Nationalmannschaft habe die Verpflichtung, das in der Ukraine zu tun. Er ermunterte die Spieler aber, sich zu den Menschenrechtsverletzungen zu äußern. "Das erwarten wir von einem mündigen Staatsbürger, der Fußball spielt", erklärte Zwanziger.

Die Sportfunktionäre reagierten auf zunehmende Kritik an der Ukraine, die vor allem deutsche Politiker an dem EM-Gastgeberland geübt haben. Nachdem bereits SPD-Chef Sigmar Gabriel einen EM-Boykott empfohlen hatte, sprach sich auch das erste Mitglied der Bundesregierung offen gegen Besuche prominenter Politiker bei der Fußball-Europameisterschaft aus. "Es muss unbedingt verhindert werden, dass das ukrainische Regime die EM zur Aufwertung ihrer Diktatur nutzt", sagte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) der Bild-Zeitung. "Deshalb finde ich, dass Besuche von Ministern und Ministerpräsidenten zur EM nach jetzigem Stand nicht in Frage kommen. Die ukrainische Regierung sollte Frau Timoschenko sofort in die Freiheit entlassen."

Die Forderung liegt auf einer Linie mit Überlegungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die laut Spiegel einen politischen Boykott der EM in der Ukraine erwägt. Sei die im Gefängnis erkrankte Oppositionspolitikerin Timoschenko bis zur EM im Juni nicht frei, könnte Merkel auch ihren Ministern empfehlen, dem Turnier fernzubleiben, hieß es in dem Magazin-Bericht. Allenfalls für Innenminister Hans-Peter Friedrich könnte in seiner Funktion als Sportminister eine Ausnahme gelten.

Friedrich hatte bereits in der vergangenen Woche erklärt, dass er eine Reise zum Spiel Deutschland gegen die Niederlande an einen Besuch Timoschenkos knüpfen wolle. Einer Umfrage zufolge ist die Mehrheit der Deutschen für einen solchen Boykott: 52 Prozent der Befragten würden sich wünschen, dass Merkel und ihre Minister den deutschen Spielen in dem Land fernblieben, berichtete die Bild am Sonntag unter Berufung auf das Institut Emnid. Zudem wollten 50 Prozent der Befragten, dass die Spiele in der Ukraine in ein anderes europäisches Land verlegt werden.

Auch die Parlamentarische Staatssekretärin im Entwicklungsministerium, Gudrun Kopp, plädierte für eine Verlegung der EM. Man solle prüfen, ob alle Spiele in Polen oder in Polen und einem anderen Land ausgetragen werden könnten, sagte die FDP-Politikerin dem Bielefelder Westfalenblatt. "Noch ist Zeit dafür." Die EM beginnt in sechs Wochen, in der Ukraine sind 16 Partien geplant, darunter das Endspiel am 1. Juli in Kiew. Die deutsche Mannschaft trägt alle drei Vorrundenspiele in der Ukraine aus, welche die EM gemeinsam mit Polen ausrichtet.

Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich besorgt zum Gesundheitszustand Timoschenkos. "Die Berichte über die Misshandlung von Julia Timoschenko haben mich schockiert", sagte der FDP-Politiker der FAS. Europäische Werte verlangten die Achtung von Grundrechten Inhaftierter.

Gabriel warnt vor Nähe zum Regime

SPD-Chef Gabriel sagte: "Politiker müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden." In den Fußballstadien säße man womöglich neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten, sagte er der Bild am Sonntag. Solange in der Ukraine Menschen aus politischen Gründen in Haft gehalten und misshandelt würden, könne es keinen normalen Umgang mit dem Land geben. "Unter diesen Umständen kann auch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht ratifiziert werden."

EU-Kommissionschef José Manuel Barroso plant einen Boykott der EM, Justizkommissarin Viviane Reding schloss einen Besuch des EM-Eröffnungsspiels im Juni aus. Die Grünen-Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit und Rebecca Harms forderten von der Uefa eine Erklärung zur Lage in der Ukraine. Die Osteuropa-Expertin der Grünen, Marieluise Beck, begrüßte Forderungen nach einem politischen Boykott der Fußball-EM: "Ich halte es für richtig, über alles nachzudenken, was ein deutliches politisches Zeichen setzt, dass wir nicht bereit sind, die Augen zu verschließen vor politisch nicht akzeptablen Verhältnissen in anderen Ländern", sagte Beck im WDR. Die öffentliche Diskussion darüber sei auch sehr hilfreich für die Opposition und die kritische Presse in der Ukraine.

Auch weitere deutsche Spitzenpolitiker kritisierten die Ukraine scharf. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte Bild.de: "Ich unterstütze die Bundesregierung, damit Frau Timoschenko eine vernünftige ärztliche Behandlung bekommt, am besten hier in Deutschland!" Allerdings schränkte Bouffier ein: "Einen Boykott halte ich nicht für ratsam, weil der Sport nicht jetzt das lösen kann, was Staatengemeinschaften auch nicht lösen können. Als politisch Verantwortlicher kann man jedoch nicht in die Ukraine fahren und so tun, als gäbe es das Problem nicht!"

Stephan Mayer (CSU), Mitglied im Sportausschuss des Bundestages, sagte der Bild-Zeitung dagegen: "Kein Mitglied der Bundesregierung sollte an der EM als Zuschauer teilnehmen!" Die Ukraine sei mit ihrem "Verhalten im Fall Timoschenko drauf und dran, jede Chance auf Glaubwürdigkeit zu verspielen."

Nach Joachim Gauck sagten weitere Präsidenten ihre Teilnahme an dem geplanten Treffen der Staatschefs Mitte Mai in Jalta ab. Tschechiens Staatsoberhaupt Vaclav Klaus ließ Medienberichten zufolge verkünden, es gebe mehrere Gründe für seine Entscheidung, dem Treffen fernzubleiben, die inhaftierte ukrainische Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko sei aber Hauptursache. Auch der österreichische Präsident Heinz Fischer wird nicht in die Ukraine reisen. "Die Reise wurde bereits vor vierzehn Tagen aus terminlichen und inhaltlichen Gründen abgesagt", erklärte der Sprecher des Präsidenten.

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