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Explosionen im Vorfeld der Fußball-EM:Verletzte bei Terroranschlägen in der Ukraine

Knapp sechs Wochen vor der Fußball-EM ist die Ukraine Ziel einer Serie von Bombenanschlägen geworden. Mindestens vier Explosionen verletzten mehr als zwei Dutzend Menschen in Dnjepropetrowsk - dem Geburtsort von Julia Timoschenko. Die Staatsanwaltschaft sprach von einem "Terroranschlag" - andere zweifeln an einem politisch motivierten Hintergrund.

Bei mindestens vier Bombenexplosionen innerhalb weniger Minuten sind an belebten Plätzen der ukrainischen Industriestadt Dnjepropetrowsk zahlreiche Menschen verletzt worden. Zunächst war von 15 Opfern die Rede, die Nachrichtengagentur AFP meldete später 27 Verletzte. Unter ihnen seien auch neun Kinder, teilte das Ministerium für Notfallsituationen mit.

Der erste Sprengkörper sei um 11.50 Uhr Ortszeit an einer Straßenbahnhaltestelle in der Innenstadt detoniert. Laut Angaben eines Polizeisprechers war er in einem Abfalleimer versteckt. Kurz darauf ereigneten sich mindestens drei weitere Explosionen, erst vor einem Kino, dann vor dem Bahnhof der Stadt. Alle Detonationen sollen sich entlang der Straßenbahnlinie ereignet haben.

In Twittermeldungen ist von bis zu zehn einzelnen Anschlägen die Rede. Augenzeugen berichteten auf Internetseiten von Panik und tumultartigen Szenen in der viertgrößten Stadt der Ex-Sowjetrepublik. Schulgebäude sollen zum Schutz der Kinder geschlossen worden sein, bis diese von ihren Eltern abgeholt würden, hieß es ebenfalls auf Twitter.

Die Staatsanwaltschaft sprach von einem "Terroranschlag". Der Hintergrund war allerdings zunächst unklar. Präsident Viktor Janukowitsch sagte, die Vorfälle seien eine "Herausforderung" für das Land: "Wir werden über eine entsprechende Reaktion darauf nachdenken". Der ukrainische Innenminister Witali Sachartschenko erklärte, er werde umgehend nach Dnjpropretrowsk fliegen.

Dass die Anschläge politisch motiviert sind, bezweifelt allerdings Korrespondent André Eichhofer, der in der ukrainischen Hauptstadt Kiew für das Journalistennetzwerk n-ost (Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung) arbeitet. "Das würde ich zu 80 Prozent ausschließen", sagte Eichhofer Süddeutsche.de.

Er geht von einem kriminellen Hintergrund aus und glaubt, dass Einzeltäter die Bomben gelegt haben, um "vor der EM den Staat zu erpressen". Tatsächlich berichten ukrainische Medien von einem Brief, in dem die mutmaßlichen Täter Geld fordern. Ansonsten würden weitere Anschlägen folgen.

Dnjepropetrowsk liegt rund 400 Kilometer südöstlich von Kiew. Die derzeit inhaftierte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko wurde in der Stadt geboren. Die Führung in Kiew sorgt wegen ihres Umgangs mit der schwer erkrankten Politikerin seit geraumer Zeit für Negativschlagzeilen. Timoschenko leidet seit Monaten unter starken Rückenschmerzen und war aus Protest gegen ihre Haftbedingungen vor einer Woche in den Hungerstreik getreten.

Diesen Samstag soll eine Gerichtssitzung in einem weiteren Verfahren gegen Timoschenko stattfinden, dabei geht es um den Vorwurf der Steuerhinterziehung. In einem ersten Prozess wurde die frühere Ministerpräsidentin wegen Machtmissbrauchs bereits zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Volk kam es deshalb immer wieder zu Protesten gegen die Regierung.

"Das wäre auch dumm"

Der Journalist Eichhofer glaubt jedoch nicht, dass hier eine Untergrundgruppe mit Bomben versucht, für Timoschenko zu kämpfen. "Das wäre auch dumm. Damit würden sie sich ins eigene Fleisch schneiden. Niemand hier im Land würde so etwas gutheißen", sagt Eichhofer. "Die Bomben waren offenbar selbstgebastelt. Auch deshalb gehe ich davon aus, dass das ausgeflippte Einzeltäter waren. Die Organisierte Kriminalität, Mafiabanden zum Beispiel, würden professioneller vorgehen".

Die schlechte Behandlung Timoschenkos wurde zuletzt auch von der Bundesregierung heftig kritisiert. Bundespräsident Joachim Gauck hatte aus Protest seinen Besuch im ukrainischen Jalta abgesagt.

Die Anschläge treffen die Ukraine in einer heiklen Phase. Anfang Juni richtet das Land gemeinsam mit Polen die Fußball-Europameisterschaft aus. Dnjepropetrowsk ist allerdings kein Austragungsort bei dem Sportereignis. Julia Timoschenko sitzt im Spielort Charkow, wo Deutschland sein zweites Gruppenspiel am 13. Juni gegen die Niederlande bestreitet, in Haft.

© Süddeutsche.de/AFP/Reuters/dpa/schu/segi/infu/lala

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