Süddeutsche Zeitung

Bach und Zwanziger gegen EM-Boykott in Ukraine:Sportfunktionäre halten Boykott für "sinnlos und erfolglos"

Fünf Wochen vor der Fußball-Europameisterschaft gerät das autoritäre Regime in der Ukraine immer stärker unter Druck. Als erstes Mitglied der Bundesregierung hat sich Umweltminister Röttgen offen dagegen ausgesprochen, dass deutsche Politiker die Veranstaltung besuchen. Polen, der andere Gastgeber der EM, hält sich mit Kritik dagegen auffallend zurück - und deutsche Vertreter von IOC und Uefa wehren sich vehement gegen die Boykottforderungen.

Der IOC-Vizepräsident Thomas Bach und der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger haben sich vehement gegen einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine ausgesprochen. "Boykotte haben sich in der Vergangenheit immer als ebenso sinn- wie erfolglos erwiesen. Alle Verantwortlichen haben das inzwischen erkannt", sagte Bach dem Radiosender hr-INFO. Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) betonte, der Sport müsse "politisch neutral" sein. Nur dann könne er dazu beitragen, dass nicht Mauern gebaut, sondern Brücken errichtet würden. "Ohne politische Neutralität würde der Sport zwischen den Fronten zerrieben werden", sagte Bach.

Auch Zwanziger, Mitglied im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (Uefa), lehnt einen Boykott ab. "Eine Absage ist keine Alternative, damit haben wir in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht. Das ist reiner Populismus", sagte der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dem Sender. "Wir treten ein für Rechtstaatlichkeit und Demokratie, und dann müssen wir das überall tun, wo wir hingehen", meinte Zwanziger. Die deutsche Nationalmannschaft habe die Verpflichtung, das in der Ukraine zu tun. Er ermunterte die Spieler aber, sich zu den Menschenrechtsverletzungen zu äußern. "Das erwarten wir von einem mündigen Staatsbürger, der Fußball spielt", erklärte Zwanziger.

Die Sportfunktionäre reagierten auf zunehmende Kritik an der Ukraine, die vor allem deutsche Politiker an dem EM-Gastgeberland geübt haben. Nachdem bereits SPD-Chef Sigmar Gabriel einen EM-Boykott empfohlen hatte, sprach sich auch das erste Mitglied der Bundesregierung offen gegen Besuche prominenter Politiker bei der Fußball-Europameisterschaft aus. "Es muss unbedingt verhindert werden, dass das ukrainische Regime die EM zur Aufwertung ihrer Diktatur nutzt", sagte Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) der Bild-Zeitung. "Deshalb finde ich, dass Besuche von Ministern und Ministerpräsidenten zur EM nach jetzigem Stand nicht in Frage kommen. Die ukrainische Regierung sollte Frau Timoschenko sofort in die Freiheit entlassen."

Die Forderung liegt auf einer Linie mit Überlegungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die laut Spiegel einen politischen Boykott der EM in der Ukraine erwägt. Sei die im Gefängnis erkrankte Oppositionspolitikerin Timoschenko bis zur EM im Juni nicht frei, könnte Merkel auch ihren Ministern empfehlen, dem Turnier fernzubleiben, hieß es in dem Magazin-Bericht. Allenfalls für Innenminister Hans-Peter Friedrich könnte in seiner Funktion als Sportminister eine Ausnahme gelten.

Friedrich hatte bereits in der vergangenen Woche erklärt, dass er eine Reise zum Spiel Deutschland gegen die Niederlande an einen Besuch Timoschenkos knüpfen wolle. Einer Umfrage zufolge ist die Mehrheit der Deutschen für einen solchen Boykott: 52 Prozent der Befragten würden sich wünschen, dass Merkel und ihre Minister den deutschen Spielen in dem Land fernblieben, berichtete die Bild am Sonntag unter Berufung auf das Institut Emnid. Zudem wollten 50 Prozent der Befragten, dass die Spiele in der Ukraine in ein anderes europäisches Land verlegt werden.

Auch die Parlamentarische Staatssekretärin im Entwicklungsministerium, Gudrun Kopp, plädierte für eine Verlegung der EM. Man solle prüfen, ob alle Spiele in Polen oder in Polen und einem anderen Land ausgetragen werden könnten, sagte die FDP-Politikerin dem Bielefelder Westfalenblatt. "Noch ist Zeit dafür." Die EM beginnt in sechs Wochen, in der Ukraine sind 16 Partien geplant, darunter das Endspiel am 1. Juli in Kiew. Die deutsche Mannschaft trägt alle drei Vorrundenspiele in der Ukraine aus, welche die EM gemeinsam mit Polen ausrichtet.

Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich besorgt zum Gesundheitszustand Timoschenkos. "Die Berichte über die Misshandlung von Julia Timoschenko haben mich schockiert", sagte der FDP-Politiker der FAS. Europäische Werte verlangten die Achtung von Grundrechten Inhaftierter.

Gabriel warnt vor Nähe zum Regime

SPD-Chef Gabriel sagte: "Politiker müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden." In den Fußballstadien säße man womöglich neben Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten, sagte er der Bild am Sonntag. Solange in der Ukraine Menschen aus politischen Gründen in Haft gehalten und misshandelt würden, könne es keinen normalen Umgang mit dem Land geben. "Unter diesen Umständen kann auch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht ratifiziert werden."

EU-Kommissionschef José Manuel Barroso plant einen Boykott der EM, Justizkommissarin Viviane Reding schloss einen Besuch des EM-Eröffnungsspiels im Juni aus. Die Grünen-Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit und Rebecca Harms forderten von der Uefa eine Erklärung zur Lage in der Ukraine. Die Osteuropa-Expertin der Grünen, Marieluise Beck, begrüßte Forderungen nach einem politischen Boykott der Fußball-EM: "Ich halte es für richtig, über alles nachzudenken, was ein deutliches politisches Zeichen setzt, dass wir nicht bereit sind, die Augen zu verschließen vor politisch nicht akzeptablen Verhältnissen in anderen Ländern", sagte Beck im WDR. Die öffentliche Diskussion darüber sei auch sehr hilfreich für die Opposition und die kritische Presse in der Ukraine.

Auch weitere deutsche Spitzenpolitiker kritisierten die Ukraine scharf. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte Bild.de: "Ich unterstütze die Bundesregierung, damit Frau Timoschenko eine vernünftige ärztliche Behandlung bekommt, am besten hier in Deutschland!" Allerdings schränkte Bouffier ein: "Einen Boykott halte ich nicht für ratsam, weil der Sport nicht jetzt das lösen kann, was Staatengemeinschaften auch nicht lösen können. Als politisch Verantwortlicher kann man jedoch nicht in die Ukraine fahren und so tun, als gäbe es das Problem nicht!"

Stephan Mayer (CSU), Mitglied im Sportausschuss des Bundestages, sagte der Bild-Zeitung dagegen: "Kein Mitglied der Bundesregierung sollte an der EM als Zuschauer teilnehmen!" Die Ukraine sei mit ihrem "Verhalten im Fall Timoschenko drauf und dran, jede Chance auf Glaubwürdigkeit zu verspielen."

Nach Joachim Gauck sagten weitere Präsidenten ihre Teilnahme an dem geplanten Treffen der Staatschefs Mitte Mai in Jalta ab. Tschechiens Staatsoberhaupt Vaclav Klaus ließ Medienberichten zufolge verkünden, es gebe mehrere Gründe für seine Entscheidung, dem Treffen fernzubleiben, die inhaftierte ukrainische Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko sei aber Hauptursache. Auch der österreichische Präsident Heinz Fischer wird nicht in die Ukraine reisen. "Die Reise wurde bereits vor vierzehn Tagen aus terminlichen und inhaltlichen Gründen abgesagt", erklärte der Sprecher des Präsidenten.

Nach Anschlagsserie: Keine Ermittlungserfolge

Polen will sich nicht einmischen

Die Tochter der inhaftierten und kranken Oppositionspolitikerin hatte die Bundesregierung in einem dramatischen Appell um Hilfe gebeten. Die frühere Regierungschefin Timoschenko verbüßt eine siebenjährige Haftstrafe wegen Machtmissbrauchs. Der Westen kritisiert das Urteil als politisch motiviert. Die 51-Jährige befindet sich seit einer Woche im Hungerstreik. Nach Angaben ihres Anwalts wurde sie von Gefängniswärtern geschlagen. Ein weiteres Verfahren gegen Timoschenko wegen des Vorwurfs der Unterschlagung von mehreren Millionen Euro in ihrer Zeit als Vorsitzende eines Energieunternehmens wurde am Wochenende - offenbar auf massiven politischen Druck hin - zunächst auf den 21. Mai verschoben. Ihre Anwälte erklärten, ihre Mandantin sei prozessunfähig und müsse im Ausland behandelt werden - so wie auch von Ärzten der Berliner Charité empfohlen.

Die Kritik aus der Bundesregierung stieß in der Ukraine auf scharfe Widerworte. Die Partei von Präsident Viktor Janukowitsch warnte Merkel, sich nicht in die Angelegenheiten fremder Länder einzumischen. Der Parlamentsabgeordnete der Partei der Regionen, Vasyl Kisselow, wurde von der Zeitung Ukrainiska Pravda mit den Worten zitiert: "Ich will Kanzlerin Merkel darin erinnern, dass sie die Kanzlerin Deutschlands und nicht der Ukraine ist. Bei uns gibt es keine Gesetze, die vorsehen, dass Inhaftierte im Ausland behandelt werden."

Die Medienberichte über einen möglichen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine durch die Bundesregierung sind in Kiew auf Unverständnis gestoßen. Er hoffe, dass dies nur eine "Zeitungsente" sei, sagte Außenamtssprecher Oleg Woloschin in Kiew. "Man will gar nicht daran denken, dass die Staatsmänner Deutschlands fähig sind, die Methoden der Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben und zu versuchen, den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen", sagte Woloschin nach Angaben örtlicher Medien.

In Polen, dem Co-Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft, herrscht bisher Schweigen zu den Forderungen nach einem politischen Boykott der Spiele in der Ukraine. Polnische Sportfunktionäre und auch Politiker halten sich mit Reaktionen zurück. Der Ruf aus Deutschland nach Sanktionen wegen des Umgangs mit der in Haft erkrankten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko findet bislang keine Unterstützung.

Dabei wird das Schicksal der ehemaligen Regierungschefin Timoschenko in Polen genau verfolgt. Das Thema kam in den vergangenen Monaten bei Gesprächen mit der ukrainischen Regierung wiederholt zur Sprache. Grundsätzlich hat in Polen eine erfolgreiche Austragung der EM gemeinsam mit der Ukraine hohe Priorität.

"Nicht in politische Konflikte einmischen"

"Die EM ist eine gemeinsame Veranstaltung Polens und der Ukraine, und sie sollte bestmöglich verlaufen", zitierte der Gazeta Prawna den polnischen Politiker Pawel Kowal. Der Europaparlamentarier rief die polnische Regierung zu "vernünftigen Reaktionen" im Verhältnis zur Ukraine auf. Vergleiche etwa mit der Lage der Menschenrechte in Weißrussland könnten nur das Verhältnis beider Staaten verderben. "Es geht um die ganze ukrainische Gesellschaft, nicht um die eine oder andere Regierung", sagte Kowal, der Timoschenko Anfang April in der Haft besucht hatte. "Wir sollten uns nicht in politische Konflikte einmischen."

Unterdessen kommen die Ermittlungen nach der Bombenserie in Timoschenkos Geburtsstadt Dnjpropetrowsk, bei der am Wochenende mindestens 30 Menschen verletzt wurden, nicht voran. Bei der Suche nach möglichen Drahtziehern tappen die ukrainischen Ermittler noch immer im Dunkeln.

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