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Schriftsteller Schulze über Krim-Krise:"Wir hätten ja das Abkommen unterzeichnen können"

Die Dankrede von Juri Andruchowytsch war überschrieben: " Europa, meine Neurosen". Es war eine bittere Rede. Er zitierte darin Günter Verheugen, damals Vizepräsident der Europäischen Union und zuvor ihr Erweiterungskommissar. Verheugen hatte Anfang 2006 in einem Interview erklärt: "In 20 Jahren werden alle europäischen Länder Mitglied der EU sein - mit Ausnahme der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die heute noch nicht in der EU sind."

Jurij Andruchowytsch kommentierte: "Diese Aussage von Herrn Verheugen übt eine verheerende Wirkung auf mich aus. Wieder einmal schließe ich mit meinen Hoffnungen ab und erlaube mir, alles zu sagen, was ich empfinde. Vielleicht ist das unwürdig, vielleicht entschlüpfen mir jetzt statt Dankbarkeit einfach nur Beleidigungen."

Viktor Janukowitsch als Zielscheibe

Ein Bild des entmachtetet Präsidenten Viktor Janukowitsch als Zielscheibe auf dem Maidan in Kiew Ende Februar

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

Er zitierte im Weiteren auch aus einer Rede, die er vor EU-Parlamentariern gehalten hat: "Der Kern meiner Botschaft bestand darin, dass ich sie bat (. . .), einem gewissen verfluchten Land zu helfen, sich selbst zu retten. Ich sagte ihnen, was ungefähr ich gerne von ihnen hören würde: dass Europa auf uns wartet, dass es ohne uns nicht auskommen kann, dass es in seiner Ganzheit nur mit der Ukraine gelingen wird. Heute ist endgültig klar, dass ich zu viel erbeten habe." Es lohnt, die ganze Rede heute noch einmal zu lesen.

Festzuhalten bleibt: Schon als der Präsident Juschtschenko hieß und die Ministerpräsidentin Timoschenko, war klar, dass die Ukraine nicht in die EU kommen würde. Selbst die Visabeschaffung war für einen Ukrainer eine regelmäßige Tortur.

Heute ist Verheugen ein differenzierter Kommentator. In einem Interview vom 30. November 2013, die Proteste in Kiew hatten gerade erst begonnen, kritisierte er die Ukraine-Politik der EU: "Wir hätten ja das Abkommen leicht im vergangenen Jahr unterzeichnen können, da gab es noch gar keinen russischen Druck, aber damals ist, nachdem das Abkommen bereits fertig war, der Gedanke aufgekommen, da können wir vielleicht noch ein bisschen mehr rausholen, und es wurde Julia Timoschenko zur verfolgten Unschuld stilisiert und ein massiver Eingriff in die Souveränität dieses Landes verlangt. Und es war ganz klar, es war ganz klar, dass das ganz, ganz große innenpolitische Schwierigkeiten hervorrufen würde."

Wenn von einer Öffnung der Ukraine nach Europa gesprochen wird, von der "Ausrichtung" auf Europa, so hat das einen makabren Klang. Es erinnert mich an unsere liebenswürdigen süddeutschen Verwandten. Diese sagten irgendwann: "Morgen fahren wir zurück nach Deutschland." "Auch wir sind in Europa", schrieb bereits vor 120 Jahren der ukrainische Essayist und Übersetzer Iwan Franko. Die Ukraine ist Europa! Doch sie braucht sowohl den Westen Europas als auch den Osten Europas - sonst reißt es das Land in Stücke.

Circa drei Millionen Ukrainer arbeiten in Russland, noch einmal drei Millionen sind es in Richtung Westen, insbesondere in Polen, der Slowakei und Tschechien. Schon allein deshalb ist die Ukraine darauf angewiesen, sich gleichermaßen nach Ost und West offenzuhalten.

Ende November letzten Jahres war wohl kaum jemandem klar, wie sich die Proteste entwickeln würden. Wann was gefordert wurde, welche Menschen wann dabei waren und wann nicht, wer wann das Sagen auf dem Maidan hatte - das und anderes mehr darzustellen ist Aufgabe der Literatur und der Historiker. Es erscheint als spontane Bewegung, geradezu naturgewaltig. Empörte Bürger, die ihr Land lieber gen Westen als gen Osten ausgerichtet sehen wollen. Ob das allerdings entscheidend war, wage ich zu bezweifeln. Es gibt wohl wenige Außenminister aus den EU-Ländern, die nicht auf dem Maidan aufgetaucht sind.

Die Forderungen an den Präsidenten bestanden darin, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu ratifizieren. Nach wenigen Tagen und brutalem Polizeieinsatz weiteten sich die Forderungen aus: Rücktritt der Regierung und des Präsidenten, Neuwahlen! Schon am 5. Dezember zeigte sich der deutsche Außenminister Westerwelle auf dem Maidan - und dies, noch bevor er die offiziellen Vertreter der Regierung getroffen hatte.

Die Ukraine sei in der EU willkommen, verkündete Westerwelle. Er fand auch markige Sprüche: "Wir sind in der Ukraine nicht Partei für eine Partei, sondern für die europäischen Werte." Ist eine demokratisch gewählte Regierung kein europäischer Wert, selbst wenn Janukowitsch kein lupenreiner Demokrat ist?

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