Krieg in Syrien:Erst die Granaten, dann der Hunger

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Die Menschen essen die Samen, statt sie auszusähen: Der Bürgerkrieg in Syrien hat verheerende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage des Landes. Vor allem die ärmsten Syrer leiden unter steigenden Preisen und Lebensmittelknappheit. Die Regierung wendet sich in ihrer Verzweiflung an einen ihrer wenigen verbleibenden Verbündeten.

Hannah Beitzer

Es sind die Bewohner der umkämpften Gebiete von Aleppo bis Damaskus, die derzeit am meisten unter dem Bürgerkrieg in Syrien leiden - doch auch außerhalb der Kampfgebiete hinterlässt der Konflikt seine Spuren im Leben der Menschen. Einem UN-Bericht zufolge droht dem Land eine Lebensmittelknappheit, denn die Landwirtschaft ist von den anhaltenden Kämpfen stark beeinträchtigt.

Auf 1,8 Milliarden US-Dollar beziffert der Bericht die Verluste. Ein Drittel der Bauern sei bereits jetzt nicht mehr in der Lage, die Felder zu bestellen. Es mangele ihnen an Saatgut und Tierfutter. Sie finden außerdem keine Arbeitskräfte, da viele Menschen auf der Flucht sind, dringend benötigte Bewässerungsanlagen sind zerstört. Die Lebensmittelspreise seien schon jetzt enorm gestiegen. Dem UN-Bericht zufolge seien Milch und Fleisch mancherorts dreimal so teuer wie vor Beginn des Bürgerkriegs. Viele Bauernfamilien essen deswegen inzwischen ihr Saatgut, anstatt es auszusäen.

Außerdem ist die Landwirtschaft wie andere Wirtschaftszweige auf Treibstoff angewiesen, der sich in den vergangenen Monaten massiv verteuert hat. Syrien fördert zwar Öl, kann allerdings wegen veralteter Raffinerieanlagen den eigenen Treibstoffbedarf nicht decken. Bisher exportierte das Land deswegen den Rohstoff, hauptsächlich in die Europäische Union und kaufte mit den Erlösen wiederum Diesel und Benzin aus dem Ausland. Doch die EU hat inzwischen ein Öl-Embargo über das Land verhängt - das zuständige syrische Ministerium beziffert den dadurch entstandenen Einkommensausfall auf 3,2 Milliarden Euro pro Jahr. Für Treibstoff-Importe fehlt also zukünftig das Geld.

Damaskus bittet Moskau um Hilfe

"Die Krise könnte so zu einer dauerhaften Katastrophe werden, selbst wenn die Kämpfe tatsächlich in einigen Wochen vorbei sein sollten", warnt Ralf Südhoff, Leiter des Berliner Büros des Welternährungsprogramms der UN im Gespräch mit Süddeutsche.de. "Wenn man in einer solchen Krise nicht in der entscheidenden Phase gegensteuert, setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang."

Die Auswirkungen würden sich dann im Winter zeigen, wenn die Menschen eigentlich von ihren Vorräten leben müssen. Der Import von Lebensmitteln sei aufgrund der schlechten finanziellen Lage des Landes kaum möglich - "die Preise vor allem für Getreide sind momentan international sehr hoch", erklärt Südhoff.

In der Landwirtschaft trifft die Krise vor allem jenen Teil der Bevölkerung, der ohnehin schon arm ist. Insgesamt geht das Welternährungsprogramm von 850.000 hilfsbedürftigen Syrern aus, die noch im August Unterstützung benötigen. Auch die offiziell mindestens 120.000 Menschen, die in die Nachbarländer geflohen sind, seien auf Unterstützung angewiesen, sagt Südhoff.

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad hat sich nun an einen seiner letzten verbleibenden Verbündeten gewendet: Russland. Wie russische Medien am Samstag berichteten, wurde das Regime in Moskau vorstellig, um den befreundeten Staat um finanzielle Hilfe zu bitten.

Die Delegation um Kadri Dschamil, der als einer von vier Stellvertretern des syrischen Premiers für Wirtschaftsbeziehungen zuständig ist, habe "eine gewisse Summe in harter Währung beantragt, um die komplizierte Lage in Syrien zu überbrücken", hieß es. Dschamil wurde mit den Worten zitiert: "Russland hat die Aufgabe übernommen, Syrien in der aktuellen Lage wirtschaftlich zu unterstützen." Er erhoffe sich in den kommenden Wochen konkrete Schritte.

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