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Gesundheitssystem:Kliniken mit Abwehrschwäche

Coronavirus - Bremen - Neue Corona-Ambulanz

Corona hat Priorität in Krankenhäusern: Eine Zelt-Ambulanz zur Durchführung von Tests vor dem Klinikum Bremen-Ost.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Wegen Corona schreiben die meisten Krankenhäuser laut einer Studie rote Zahlen. Doch die Pandemie hat bestehende Strukturprobleme nur verstärkt, sagt ein Experte - und macht Lösungsvorschläge.

Von Rainer Stadler

Ein Lob kostet ja nichts, und so geriet kürzlich der frühere Bundesgesundheits- und amtierende Bundesinnenminister Horst Seehofer ins Schwärmen, wie schon andere Politiker vor ihm: Die Corona-Krise habe gezeigt, dass Deutschland "eines der besten Gesundheitssysteme auf dieser Erde" habe. Das viel gepriesene System steht jedoch zunehmend auf wackligen Beinen: Infolge der Corona-Krise dürften mehr und mehr deutsche Kliniken in die roten Zahlen rutschen. Das geht aus der "Krankenhausstudie 2020" der Unternehmensberatung Roland Berger hervor, die am Montag veröffentlicht wird und der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Für die Untersuchung wurden Geschäftsführer der 600 größten deutschen Kliniken befragt. 57 Prozent von ihnen rechnen für 2020 mit einem Defizit. Vergangenes Jahr verzeichneten nur 32 Prozent der Krankenhäuser ein Minus. Besonders düster sehen die Manager großer Kliniken mit mehr als 1000 Betten die Lage: In dieser Gruppe rechnen sogar 72 Prozent mit Verlusten im laufenden Geschäftsjahr.

Der Abwärtstrend erklärt sich vor allem mit der schwachen Auslastung während der Pandemie-Hochphase im März und April. Mitte März wies Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Krankenhäuser an, die Zahl der Beatmungsplätze hochzufahren und genügend Intensivbetten für Covid-19-Patienten freizuhalten. Bei Weitem nicht alle dieser Betten wurden benötigt. Deshalb sei die Belegung der Intensivstationen großer Häuser mit mehr als 1000 Betten um 27 Prozent gesunken, auf Normalstationen sogar um 37 Prozent, ermittelte die Studie.

Die teuren Intensivbetten waren laut Studie nur bis zu 70 Prozent ausgelastet

Warum die Krise gerade die Großkliniken am härtesten trifft, erklärt Peter Magunia, der Leiter der Studie, mit den höheren Kosten, die sie in der Regel tragen: Große Krankenhäuser behandelten mehr Schwerkranke und müssten dafür auch entsprechend geschultes Personal und die notwendige Technik bereithalten. Im Normalbetrieb bekommen sie dafür mehr Geld von den Krankenkassen. Aber in der Corona-Krise mussten viele Eingriffe, die aus medizinischer Sicht nicht unbedingt nötig waren, abgesagt oder verschoben werden. Statt der üblichen 90 Prozent seien die im Unterhalt teuren Intensivstationen meist nur zu 60 bis 70 Prozent ausgelastet gewesen, sagt Magunia. Deshalb fehlen nun Einnahmen.

Ende März beschloss die Regierung zum Ausgleich das Krankenhausentlastungsgesetz. Den Kliniken wurde jedes in der Corona-Krise freigehaltene Bett pauschal mit 560 Euro pro Tag vergütet. Der Betrag reiche jedoch nicht, um die Erlösausfälle zu kompensieren, sagen 75 Prozent der für die Studie befragten Manager von Kliniken mit mehr als 1000 Betten. In kleineren Häusern mit weniger als 500 Betten sieht das nur etwa die Hälfte der Manager so. Um den unterschiedlichen Kosten der Kliniken Rechnung zu tragen, ist die Tagespauschale seit Kurzem gestaffelt. Freigehaltene Betten werden mit mindestens 360 Euro und höchstens 760 Euro pro Tag honoriert. Ob das genügt, wird sich erst während einer zweiten Infektionswelle zeigen - falls sie denn kommt.

Seit einigen Wochen haben die Kliniken wieder Normalbetrieb und die Auslastung hochgefahren. Dennoch rechnet die Mehrzahl der für die Studie befragten Manager damit, dass es wohl mehr als ein halbes Jahr dauern wird, bis sich die Patientenzahlen auf das Vorkrisenniveau einpendeln. Und immerhin fünf Prozent der Klinikmanager befürchten, dass dieses Niveau nie wieder erreicht wird.

Magunia kann den Pessimismus nachvollziehen. Die Corona-Krise beschleunige letztlich einen Strukturwandel, der den Krankenhäusern ohnehin bevorstand. Viele Kliniken seien 30 Jahre oder noch älter und müssten erneuert werden. Ein Neubau könne schnell einen dreistelligen Millionenbetrag verschlingen, wenn es sich um größere Kliniken handle, sogar eine Milliarde. Nur die wenigsten Häuser seien in der Lage, sich ein Polster für solche Investitionen anzulegen, und die öffentlichen Fördermittel stagnierten. Zudem hätten die Krankenhäuser zu lange darauf spekuliert, dass die Patientenzahlen stetig steigen würden in einer alternden Gesellschaft. Die Rechnung geht seit Jahren nicht mehr auf: Die Aufenthaltsdauer der Patienten im Krankenhaus sinkt kontinuierlich, und der medizinische Fortschritt macht es möglich, dass viele Eingriffe heute ambulant ausgeführt werden können.

Kliniken sollten digitalen Service wie Videosprechstunden anbieten, sagt ein Experte

Ist die hochgelobte deutsche Krankenhauslandschaft angesichts dieser Trends überhaupt zu erhalten? Magunia hält wenig von einer flächendeckenden Schließung Hunderter Kliniken, wie es vergangenen Sommer eine viel diskutierte Studie der Bertelsmann-Stiftung empfahl. Aber er sieht eine gesamtwirtschaftliche Durststrecke für die kommenden Monate, wenn nicht Jahre. Es werde in Zukunft nicht leichter, die nötigen Mittel für ein Gesundheitssystem aufzubringen, das zu den teuersten der Welt zählt. Deshalb rät er zu mehr Effizienz. Kliniken seien gut beraten, sich in Verbünden zu organisieren, um Kräfte zu bündeln. "Die Verbundkliniken profitieren von Synergieeffekten und stehen in Summe signifikant besser da", sagt Magunia.

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Außerdem rät er den Kliniken zu mehr digitalen Angeboten. In Frage kämen Videosprechstunden oder die Überwachung der Vitalwerte von Patienten, die auch aus der Ferne möglich sei, also ohne dass sich die Betroffenen in die Klinik begeben müssen. Zudem sollten Kliniken mehr auf ambulante Versorgung setzen und ihre Bettenkapazitäten reduzieren. Das gelte jedoch nicht für die Intensivbetten, die auch für künftige Krisen gebraucht würden.

Selbst wenn es den Kliniken gelingen sollte, die Ressourcen effizienter einzusetzen, entscheidet nach Ansicht des Gesundheitsexperten Magunia am Ende die Gesellschaft über deren Zukunft: "Natürlich müssen wir die Frage beantworten, wie viel uns dieses System wert ist."

© SZ vom 25.07.2020/smh

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