Kongo Routine des Grauens

Die elfjährige Mace-Grace verlor ihre linke Hand bei Kämpfen um ihr Dorf. Ihre Mutter und drei Geschwister sind tot. Ohne internationale Helfer hätte sie kaum eine Chance.

(Foto: John Wessels/AFP)

Nach jahrzehntelangen blutigen Kämpfen um Rohstoffe und Macht geht im Kongo ohne fremde Hilfe fast nichts mehr. Doch ist dem afrikanischen Land und seinen Menschen damit wirklich gedient?

Von Bernd Dörries, Goma

In ein paar Tagen oder Wochen, sagt die Großmutter, wird man es dem Jungen sagen müssen, ihm erzählen, dass sein Vater nicht mehr lebt, dass er erschossen wurde auf offener Straße, ohne wirklichen Grund. Adonis haben die Eltern den Jungen genannt, wie den griechischen Gott, ein Name, der ganz gut passt zum dem hübschen Jungen. Acht Jahre alt ist Adonis, er schaut ernst, mit dem Blick eines Erwachsenen, mit Augen, die schon viel Schrecken gesehen haben.

Vor einigen Wochen ist Adonis mit seiner Mutter mal wieder vor den Rebellen geflohen, die hier inmitten des Kongo seit Jahren die Bevölkerung terrorisieren. Seine Mutter haben sie vor seinen Augen erschossen. Adonis und seine Schwester haben sie einfach stehen lassen auf der Straße, die Kinder wurden wochenlang herumgereicht. Bis das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sie und die Großeltern wieder zusammenbrachte. Sie sitzen im Hinterhof einer Station des IKRK in Kananga, einer zentral gelegenen Stadt der Demokratischen Republik Kongo. Es gibt ein warmes Essen, eine Seltenheit in ihrem Leben. Nächstes Jahr will Adonis wieder zur Schule gehen. Wenn es noch eine Schule gibt, wenn das Geld dafür da ist.

Wenn man Adonis fragt, was er für Träume hat fürs Leben, sagt er nur ein Wort: "Motorrad-Taxi." Dann zieht er sich das T-Shirt über den Kopf. So als wäre das ein unerhörter Wunsch in diesem Land.

Der Kongo ist ein junges Land, fast die Hälfte der Einwohner ist unter 14 Jahre alt

Der Kongo ist ein junges Land, fast die Hälfte der wohl 80 Millionen Einwohner ist unter 14 Jahre alt. Es sind Millionen kleine Adonis. Viele von ihnen sind Opfer eines Krieges, der schon viel älter ist als sie. Die Kinder eines Konflikts, den die Welt vergessen hat: zu kompliziert, zu weit weg.

Im Kongo starben allein im sogenannten großen Krieg von 1998 bis 2003 etwa fünf Millionen Menschen. Es ist eine grobe Schätzung, die Leichen wurden nie tatsächlich gezählt. Wirklich zu Ende ist der Krieg nie gewesen, er hat sich in Dutzende Konflikte verwandelt, etwa 70 bis 100 Milizen kämpfen gegeneinander um Rohstoffe, Land, Wasser, oder einfach darum, wer Recht hat. Es ist ein täglicher Terror, der immer größer wird und der droht, eine ganze Region weiter zu destabilisieren, die ohnehin nicht stabil ist. Etwa vier Millionen Kongolesen sind auf der Flucht, aber weil sie zu arm sind, um nach Europa zu kommen, schaut Europa nicht wirklich hin, es ist zu sehr mit sich beschäftigt, mit den Flüchtlingen aus Syrien.

"Wir sind hier seit Jahrzehnten im Kongo aktiv, dass sich die Gefahr so ausbreitet wie in den vergangenen Jahren, das kannten wir bisher nicht", sagt Peter Maurer, der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). "Die Internationale Gemeinschaft hat kaum Interesse, der Kongo wird vernachlässigt", sagt der Schweizer. Er hat sich für vier Tage auf den Weg ins Innerste des Konflikts gemacht, besucht die Stationen des IKRK in der Region, die Opfer des Konfliktes, um die sich der Staat nicht kümmert.

Es ist ein Staat, der längst die Kontrolle über sein Territorium aufgegeben hat. Dessen Regierung blieb im April einer Geberkonferenz in Genf fern, auf der Geld gesammelt werden sollte, für etwa 13 Millionen Kongolesen, die nicht mehr für sich selbst sorgen können. Der Regierung war das egal. "Ich bin im Kongo, ich bin ein Teil der Regierung, es gibt hier keine humanitäre Krise", sagte der stellvertretende Kooperationsminister Freddy Kita damals.

Vizepremier José Makiladie warf der internationalen Gemeinschaft vor, "ein schlechtes Bild der Demokratischen Republik Kongo zu zeichnen". Die Regierung plündert das Land aus und hat keine Lust auf Bilder, die zeigen, dass das Leid der Menschen für sie keine Rolle spielt. Es sind Bilder wie die von Eric Mbuyu. Der Zwölfjährige Junge sitzt in einem kleinen Pavillion der Stadt Manono, in einer Region, in der es immer wieder Kämpfe gibt. Mbuyu hat im Januar zwei Kugeln abbekommen - eine ins Knie. Es wirkte so, als wollte man ihn gezielt zum Krüppel schießen. Wochenlang lag er unbehandelt da. "Die Wunden begannen so stark zu riechen, dass niemand mehr zu ihm ins Zimmer wollte", sagen seine Eltern. Das Rote Kreuz flog ihn letztlich nach Goma aus, wo er zehn Monate lang im Krankenhaus lag. Jetzt lernt er wieder laufen. Sein Vater schaut ihm beim Üben zu auf dem staubigen und heißen Boden, er erzählt, wann welche Rebellengruppe wo angegriffen habe. Er erzählt es mit großer Routine.

Eigentlich sollte eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen zumindest Zivilisten wie Eric Mbuyu vor Übergriffen schützen, mit 17 000 Mann ist sie die größte der UN. Es ist eine Truppe, die in viele Skandale verwickelt wurde, von Untätigkeit bis zu sexuellem Missbrauch. Sie ist aber die einzige Schutzmacht, der die Menschen wenigstens ein bisschen vertrauen, die in den Städten einigermaßen für Sicherheit sorgen kann.

Internationalen Organisationen wird vorgehalten, indirekt das Regime zu stützen

Der amerikanischen Regierung von Donald Trump sind die UN-Truppen ein Dorn im Auge, sie will die Blauhelme reduzieren, weniger Hilfe zahlen. UN-Botschafterin Nikki Haley sagte im vergangenen Jahr, die UN-Truppen würden letztlich "einer Regierung helfen, die ihre Bevölkerung ausraubt". Die UN-Truppen, so Trumps Botschafterin, würden die verschiedenen Rebellengruppen kleinhalten und den Sturz des Präsidenten Joseph Kabila verhindern.

Auch internationalen Organisationen wird immer wieder vorgehalten, mit ihrem Engagement letztlich indirekt ein Regime zu stützen, das die Not verursacht, die dann bekämpft werden muss. Auch das IKRK übernimmt immer mehr Aufgaben, die eigentlich der Staat erledigen sollte: Es baut Brunnen und vergibt Kleinkredite.

"Wir sind uns des Dilemmas bewusst, wir müssen überlegen, in wie weit wir strukturbildend sind, es gibt die Gefahr, dass man Strukturen unterstützt, die nicht legitim sind", sagt Peter Maurer. Auf der andren Seite sei es aber eben auch so, dass Geber und Betroffene sich langfristige Hilfe wünschten. "Da ist der Druck der Geber, die sagen: macht doch etwas, was langfristig ist. Und auch die Betroffenen denken so, sie wollen sauberes Wasser, das nicht aus dem Tankwagen kommt und einen Kredit, damit sie ein Geschäft starten können."

Die Internationale Gemeinschaft hilft, die kongolesische Regierung kann sich derweil darauf konzentrieren, das Land auszubeuten. Es ist ein Dilemma, das kaum zu lösen ist. Denn zieht sich das Rote Kreuz zurück, gibt es niemanden mehr, der junge Leute wie Eric Mbuyu operiert oder Adonis hilft, seine Familie zu finden. Sie beide hatten einfach nur das Pech, in einem Land zu leben, in dem der Mensch anscheinend nicht viel zählt.