Kolumbien Hoffen auf das Ende des Krieges

Kriegsmüde Kolumbianer gehen für ein Ende der Gewalt auf die Straße. Sie sind dem 52 Jahre währenden Bürgerkrieg mehr als überdrüssig.

(Foto: Luis Acosta/AFP)

Schon beinahe Routine: In Kolumbien unterzeichnen Präsident Santos und der Anführer der Farc-Guerilla den neuen Friedensvertrag.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Allmählich wird das, was viele als "historisch" bezeichnen, zur Routine. Am Donnerstag haben Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und der Anführer der Farc-Guerilla, Rodrigo "Timochenko" Londoño, einander mal wieder die Hand schütteln und den Frieden besiegelt. Zum vierten Mal binnen 14 Monaten. In Bogotá stand die zweite feierliche Unterzeichnung des Friedensvertrags in diesem Jahr an. Mit etwas weniger Pomp als beim letzten Mal, Ende September in Cartagena. Dafür mit wesentlichen Korrekturen in dem Abkommen, welches das kolumbianische Volk Anfang Oktober in einem Referendum abgelehnt hatte. Und die Frage, die alle beschäftigte, lautet natürlich: Ist der Bürgerkrieg jetzt vorbei?

Geht es nach Álvaro Uribe, dem Vorgänger und Erzfeind von Santos, dann war es das noch lange nicht. Uribe hatte beim Referendum die Fraktion der Neinsager angeführt und bleibt beim Nein. Seine wesentlichen Kritikpunkte seien auch in dem neuen Abkommen nicht berücksichtigt worden, sagte er und rief zu Straßenprotesten auf. Alle kriegsmüden Kolumbianer hoffen darauf, dass es in ihrem Land einmal nicht nach dem Großgrundbesitzer Uribe geht. Sondern nach dem Friedensnobelpreisträger Santos und nach seinem wichtigsten Mann in diesem komplizierten Friedensprozess: Humberto de la Calle.

Dieser hat gerade betont: "Das ist der endgültige Vertrag. Es gibt keinen Raum mehr für weitere Verhandlungen." De la Calle, 70, muss es wissen. Als Chef-Unterhändler der Regierung hat er beide Versionen dieses Friedensvertrages in den zurückliegenden vier Jahren im kubanischen Havanna ausgehandelt. Zwei Mal hat er es geschafft, die Führungsriege der Farc zu Zugeständnissen zu bringen, die noch vor Kurzem niemand für möglich gehalten hätte. Nach 52 Bürgerkriegsjahren mit mehr als 200 000 Toten legt die älteste Rebellenbewegung Lateinamerikas ihre Waffen nieder, um sich in eine politische Bewegung zu verwandeln. Sie akzeptiert die Institutionen jenes Staates, den sie stets bekämpft hatte. Das ist das Verdienst von De la Calle.

Die Akzeptanz in der kolumbianischen Bevölkerung beruht noch nicht auf Gegenseitigkeit, wie der Ausgang des Referendums verdeutlichte. Und ein Friedensschluss, der weiterhin den Gedanken der Versöhnung über den der Vergeltung stellt, bleibt anfällig für populistische Kampagnen. Deshalb lässt sich Santos auch nicht auf eine zweite Volksabstimmung ein. Kommende Woche sollen die Volksvertreter im Kongress den neuen Vertrag formal verabschieden. Die Mehrheit gilt als sicher. Außer der ultrarechten Uribe-Partei sind alle dafür. Das Vorgehen ist rechtlich legitim und politisch wohl alternativlos. Nicht nur aus Sicht De la Calles ist das Abkommen zu wichtig, um es erneut aufs Spiel zu setzen. "Es wäre eine Tragödie, wenn wir mit einem fertigen Frieden in die alte Gewaltspirale zurückfielen, die wir schon ein halbes Jahrhundert hatten", sagte er der Zeitung El Tiempo. Nach der Niederlage im Referendum wollte De la Calle als Verhandlungsführer zurücktreten. Doch Santos schickte ihn prompt wieder zurück an den Verhandlungstisch nach Havanna. Er wusste, dass dieser Mann seine einzige Chance sein würde, um den Friedensprozess zu retten.

Der ehemalige Vizepräsident und Innenminister De la Calle ist als Jurist international geachtet, im eigenen Volk relativ beliebt und wird von der Guerilla akzeptiert. Er begegnete seinen Verhandlungspartnern stets respektvoll. Das kam an auf der Gegenseite. Iván Marquéz, der Chefunterhändler der Farc, nennt ihn stets "Doctor De la Calle". Vierzig Tage brauchte der Doctor, um ein neues Abkommen vorzulegen. De la Calle wusste, dass der Weg zu einer Einigung ein Wettlauf mit der Zeit sein würde. Der bis Ende des Jahres verlängerte Waffenstillstand ist fragil und die allgemeine Unsicherheit ein Feind des Friedens. "Schon ein Funken genügt, um eine Welle der Gewalt zu entfesseln", sagt De la Calle.

Sollte der Spuk nun tatsächlich vorbei sein, so glauben viele, dass De la Calle noch einmal versucht, Staatspräsident zu werden. Wie Mitte der 1990er Jahre. Santos tritt 2018 ab. "Meine Aufgabe ist beendet", sagt der Friedensmacher De la Calle. "Jetzt brauche ich erst einmal eine Pause." Das schließt eine neue Aufgabe nach der Pause nicht aus.