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Kolumbien:Frieden ohne Garantie

Der letzte Guerillakrieg Lateinamerikas könnte sein Ende finden. Politik und Farc-Führung trieb eine historische Entschlossenheit. Versöhnen aber müssen sich die Menschen.

Von Boris Herrmann

Kolumbien hat einen umstrittenen, unvollständigen und fehlerhaften Frieden geschlossen. Aber: Es ist ein Frieden. Nach über fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg mit mindestens 220 000 Toten und sechs Millionen Vertriebenen ist das mehr, als viele noch vor Kurzem zu hoffen gewagt hätten. Mit dem am Mittwochabend in Havanna unterzeichneten Abkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den Anführern der Farc-Guerilla endet einer der ältesten bewaffneten Konflikte der Welt. Zumindest auf dem Papier.

Es handelt sich um einen Pakt, den nicht wenige für unmöglich hielten in einem Land, in dem das Blutvergießen fast schon zur nationalen Identität zu gehören schien. In Kolumbien kennen nur die Rentner ein Leben ohne die immerwährende Furcht, zwischen die Fronten linker Guerilleros, rechter Paramilitärs und Einheiten der Armee zu geraten. Das Land hat nun die einmalige Chance, in eine neue Zeit aufzubrechen. Vom Frieden auf dem Papier zum Frieden in den Köpfen ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Der letzte Guerillakrieg in Lateinamerika findet sein Ende

Für viele Kolumbianer bedeutet dieses Abkommen auch eine Zumutung. Es verlangt von ihnen, die ehemaligen Guerilleros künftig als normale Bürger zu akzeptieren. Gerade der besonders kriegsgeplagten Bevölkerung in den ländlichen Regionen fällt das schwer. Witwen, Waisen, Verstümmelte und Vertriebene sollen dort künftig Tür an Tür mit Menschen leben, die ihre Häuser und Höfe zerstört haben, ganze Landstriche mit Minen übersäten, die ihre Freunde und Verwandten töteten. In diesen Gegenden ist Frieden ein abstraktes Wort. Und Versöhnung ein schier unmögliches Unterfangen.

Die Bereitschaft zur Versöhnung ist aber einer der zentralen Bausteine des Friedensvertrags. Den circa 7000 verbliebenen Untergrundkämpfern der Farc wurde von der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos eine weitreichende Amnestie in Aussicht gestellt, falls sie ihre Taten gestehen. Selbst ihre Anführer kommen wohl größtenteils ohne Gefängnisstrafen davon. Das widerspricht dem allgemeinen Gerechtigkeitsgefühl.

Der Kompromiss war schmerzlich, aber notwendig. Ohne ihn hätte die älteste und größte verbliebene Guerilla Lateinamerikas niemals ihrer Auflösung als Kriegspartei zugestimmt. Nach dem Muster der aus der IRA hervorgegangenen Sinn Féin in Nordirland soll sie sich nun in eine politische Bewegung verwandeln.

Eine der zahlreichen offenen Fragen in Kolumbien ist, ob es den Farc-Kommandanten Timoleón Jiménez und Iván Márquez ähnlich wie dem Sinn-Féin-Vorsitzenden Garry Adams gelingen wird, die Aufsplitterung ihrer Gruppe zu verhindern. So kriegsmüde die Führungsriege der Farc im Verhandlungsexil in Kuba sein mag, so gut leben Teile der Basis von Schutzgelderpressung und Drogenhandel. Die Gefahr, dass sie sich der vereinbarten Entwaffnung verweigern und den Kampf unter neuem Namen weiterführen, bleibt bis zum Beweis des Gegenteils real. Und solange es Santos nicht gelingt, auch die zweitgrößte Guerillagruppe ELN an den Verhandlungstisch zu bewegen, bleibt der Frieden von Havanna ohnehin unvollendet.

Gleichwohl ist es schon jetzt ein historisches Verdienst dieses Präsidenten, dass Kolumbien überhaupt die Chance auf Versöhnung bekommt. Gegen alle Widerstände hat Santos seine Friedensdiplomatie in den zurückliegenden vier Jahren betrieben. Das ist schon deshalb erstaunlich, weil er eigentlich dem Feindbild der marxistisch-leninistischen Guerilleros entspricht. Er entstammt der alten oligarchischen Elite, seine Familie kontrolliert die größten Medienkonzerne des Landes.

Als Verteidigungsminister seines rechtskonservativen Vorgängers Álvaro Uribe hatte Santos noch eine der blutigsten Schlachten gegen die Farc befehligt. Als Präsident vollzog er eine radikale Kehrtwende. Im Gegensatz zum immer noch einflussreichen Uribe hat er inzwischen verstanden, dass es keine gute Gewalt gibt - dass ein Kriegsende nur über Verhandlungen zu erreichen ist, die auf Augenhöhe geführt werden müssen.

Wie bei anderen großen Friedensschlüssen der Vergangenheit hängt letztlich auch in Kolumbien fast alles an der Entschlossenheit der Akteure. Santos war bereit, große Teile seiner Popularität zu opfern, um die Vereinbarung mit der Farc zu ermöglichen.

Die Zukunft Kolumbiens liegt jetzt in den Händen der Kolumbianer. Anfang Oktober sollen sie in einem Referendum über den Pakt von Havanna abstimmen. Sie haben nur zwei Optionen: Ja oder Nein. Nach Lage der Dinge ist der Ausgang ungewiss, aber Santos hat das Potenzial, die Menschen zu überzeugen. Die Kriegstreiber haben ihre Argumente verschossen.

© SZ vom 26.08.2016

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