Kolumbien Der Preis des Friedens

Für Kolumbien öffnet sich nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg die Chance, dass Regierung und Farc-Rebellen Frieden schließen. Wie er finanziert werden soll, weiß allerdings niemand.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Seit einem halben Jahrhundert befindet sich Kolumbien im Bürgerkrieg, fünf Jahrzehnte Blutvergießen mit 250 000 Toten und mindestens sechs Millionen Vertriebenen. Die Versuche, diesen scheinbar ewigen Konflikt zu beenden, sind fast so alt wie der Konflikt selbst. Immer mal wieder - oft genug halbherzig - hat der kolumbianische Staat versucht, sich mit der linken Guerilla-Truppe Farc auf einen dauerhaften Waffenstillstand zu einigen. Nie ist etwas dabei herausgekommen. Und plötzlich soll es ganz schnell gehen. Wenn nicht alles täuscht, wird es entweder noch in diesem Jahr so etwas wie Frieden geben für Kolumbien - oder das Land versinkt dauerhaft im Krieg.

Die Regierung von Präsident Juan Manuel Santos hat sich selbst ein Ultimatum von vier Monaten gestellt. Bis Mitte November soll eine tragbare Friedenslösung in Sicht sein - nur dann will Santos weiterverhandeln. Abschluss oder Abbruch. Seit dem 20. Juli tickt die Uhr. Diesen Zeitplan als mutig zu bezeichnen, wäre untertrieben. Auch die Regierung Santos verhandelt inzwischen seit 32 Monaten mit der Farc-Führungsriege. Nach zunächst weltweit gefeierten Vermittlungserfolgen auf neutralem Boden in Havanna, erwiesen sich die Gespräche in den entscheidenden Punkten zuletzt als extrem zäh. Drei wesentliche Fragen sind noch strittig: Wie sollen die Rebellen, aber auch die mörderischen Paramilitärs strafrechtlich behandelt werden? Auf welche Weise darf sich die Farc im Fall einer Einigung politisch beteiligen? Und nicht zuletzt: Was würde der Frieden eigentlich kosten und wer soll das bezahlen? Der Preis des Friedens ist kein offizieller Verhandlungsgegenstand in Havanna, aber Teil der öffentlichen Debatte in Kolumbien. Und letztlich wohl, so zynisch das klingen mag, wohl auch der Schlüssel zur Versöhnung.

250 000 Leben kostete der Konflikt mit den Farc-Rebellen in Kolumbien. Bei Verbrechen auf dem Gebiet von Indigenen bestimmen diese die Strafe.

(Foto: Luis Robayo/AFP)

Es geht dabei nämlich auch um die Frage, ob ein möglicher Friedenschluss politisch vermittelbar wäre. Der kolumbianische Bürgerkrieg fand und findet auf dem Land statt. Die politische Stimmung aber wird in den großen Städten wie Bogotá und Medellín gemacht, wo die meisten Leute keine unmittelbare Kriegserfahrung haben. Und vielleicht ist auch deshalb noch keineswegs entschieden, ob dort der Krieg oder der Frieden populärer ist. Rechtskonservative Kreise, angeführt von dem weiterhin einflussreichen früheren Präsidenten Álvaro Uribe, agitieren mit großem Erfolg gegen die Verhandlungen in Havanna. Die Regierung würde das Land damit an den Terrorismus ausliefern und in den Ruin treiben, argumentiert Uribe.

Juan Manuel Santos, 64, hat als ehemali-ger Verteidigungsminister Uribes eine un-rühmliche Vergangenheit als Kriegstreiber. Aus den ehemaligen Weggefährten sind aber Erzfeinde geworden, und inzwischen meint es Santos ernst mit der Aussöhnung, das lässt sich kaum bestreiten. Seine Popularitätswerte sind zuletzt trotzdem abgesackt, vor allem in den Städten. Und es ist bezeichnend, dass er dort für seinen Friedensprozess unter anderem mit der Aussicht auf zwei Prozent mehr Wirtschaftswachstum wirbt, mit einer Friedensrendite. Eine Studie der Bank of America-Merrill Lynch kommt allerdings zu dem Schluss, dass diese Zahl deutlich übertrieben ist. Demnach müsste Kolumbien in den kommenden zehn Jahren bis zu 3,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts aufwenden, um den Frieden zu bezahlen. Das Bruttoinlandsprodukt der drittgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas lag im Jahr 2014 bei 390 Milliarden Dollar.

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Den Preis des Friedens exakt zu berech-nen, wäre gewiss so kompliziert wie die Gesamtkosten der deutschen Einheit aufzulisten. Da mischen sich ideelle Werte mit nackten Zahlen, langfristige Investitionen mit einer konkreten Haushaltsplanung. Fest steht nur, dass es zunächst einmal um viele Milliarden geht, die irgendwo herkommen müssen. Santos will in Kolumbien einen Krieg zu beenden, der so alt ist, dass er praktisch zur nationalen Identität gehört. Vor allem auf dem Land leben mehrere Generationen Kolumbianer, die nur das Blutvergießen kennen. Zehntausende, die nichts als schießen gelernt haben. Ob ein möglicher Waffenstillstand hält, wird davon abhängen, ob es gelingt, diese Leute in das sogenannte normale Leben zu integrieren. Das erfordert aufwendige Sozialprogramme, Investitionen in Arbeit, Bildung, Gesundheit und staatlichen Wohnungsbau. Laut BBC sind im aktuellen Haushalt 60 Millionen Dollar für Reintegration der Guerilleros veranschlagt. Die reichen künftig gewiss nicht aus.

Um ein Vielfaches dieser Summe geht es im Zusammenhang mit der Entschädigung der Opfer und ihrer Angehörigen sowie bei der unausweichlichen Landreform. Nach 50 Jahren Krieg muss im Prinzip ganz Kolumbien neu geordnet werden. Auf die Regierung Santos wartet nach einem Friedensschluss die Aufgabe, sechs Millionen Hektar Grund und Boden umzuverteilen, die den rechtmäßigen Besitzern geraubt wurden. Bei den Verhandlungen mit den Farc in Havanna kam es in dem Punkt erstaunlich schnell zur grundsätzlichen Einigung. Nur ein Detail wurde ausgespart: Wie die Reform finanziert werden soll.

Eine Versöhnungssteuer, eine Art Solidaritätszuschlag, wäre nach Lage der Dinge wohl nicht durchsetzbar. Andererseits zeigt die Erfahrung, dass die Bereitschaft zu einem komplizierten Frieden in Kolumbien immer steigt, wenn die Waffen für eine Weile schweigen. Das weckt zarte Hoffnungen, dass Santos' Strategie mit dem Ultimatum diesmal aufgehen können. Der August 2015 war bislang der ruhigste Monat in Kolumbien seit 40 Jahren.