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Kino:Programmierte Erfolge

Hollywood setzt bei der Filmauswahl auf künstliche Intelligenz.

Von David Steinitz

Werden künftig Computer bestimmen, was wir im Kino zu sehen bekommen? Zumindest die Firma Warner Brothers, eins der fünf großen Filmstudios in Hollywood, will von diesem Jahr an auch mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) entscheiden, welche Filme sie produziert und welche nicht.

Wie der Hollywood Reporter berichtet, hat die Kinosparte des Unternehmens einen Vertrag mit dem Start-up Cinelytic geschlossen. Es geht dabei um eine Software, die den finanziellen Erfolg von Filmen prognostizieren soll. Die Basis für dieses Versprechen sind große Mengen an Daten von bisherigen Filmen, mit denen die vier Jahre alte Firma bestimmte Muster für den Erfolg oder Misserfolg eines Films analysiert haben will.

Natürlich kann auch das Team von Cinelytic nicht den alten Produzententraum erfüllen, mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit einen Hit vorauszusagen. Aber es soll den Verantwortlichen bei Warner die Entscheidung erleichtern, ob ein Filmprojekt, in das viele Millionen Dollar fließen, grünes Licht bekommt oder nicht, welche Jahreszeit der erfolgversprechendste Starttermin ist und wie man es am erfolgreichsten vermarkten kann.

"Unser System", verspricht der Cinelytic-Gründer Tobias Queisser im Hollywood Reporter, "kann innerhalb von Sekunden ausrechnen, wozu ein Mensch Tage bräuchte. Zum Beispiel den aktuellen Marktwert eines Stars."

So könne man prognostizieren, wie viel Geld ein bestimmter Film mit einer bestimmten Besetzung in einem bestimmten Land einspielen werde, und zwar vom Kino über Streaming-Lizenzen bis zur TV-Auswertung, wirbt Queisser auf der Internetseite von Cinelytic. Dieses Versprechen hat ihm bereits einige große Kunden wie die Produktionsfirma Ingenious eingebracht, die unter anderen "Avatar", "Life of Pi" und einige der "X-Men"-Filme koproduziert hat.

Ebenfalls helfen soll die Software auf Filmfestivals, wo die Studios gerne für wenig Geld Drehbücher und fertige Filme einkaufen in der Hoffnung, dass sie große Hits werden. Weil es auf den wichtigen Festivals in Sundance, Toronto, Cannes, Venedig und Berlin oft zu heftigen Bieter-Wettkämpfen kommt, müssen sich die Studio-Chefs manchmal binnen Stunden entscheiden, ob sie zuschlagen oder nicht. Auch dabei kommt bei Warner künftig Cinelytic ins Spiel. Queisser räumt aber ein, dass er lediglich den Weg zur Entscheidung erleichtern könne. Man werde im Filmgeschäft trotz KI auch künftig "Erfahrung und Bauchgefühl" brauchen.

Aber gerade die Bereiche Erfahrung und Bauchgefühl scheinen die Leute bei Warner erst in die Arme von Cinelytic getrieben zu haben. Trotz des Riesenerfolgs der Comic-Adaption "Joker" - der Film spielte weltweit mehr als eine Milliarde Dollar ein, und das bei einem relativ moderaten Budget - musste das Studio 2019 eine ganze Serie harter Flops auf der Verlustseite verbuchen. Projekte wie die Stephen-King-Verfilmung "Doctor Sleep" und das Blockbuster-Spektakel "Godzilla: King of Monsters" kosteten viel und brachten fast nichts ein.

Welche Filmstoffe die KI stattdessen empfiehlt, und ob wir dann nur noch Superhelden zu sehen bekommen? Demnächst im Kino.

© SZ vom 14.01.2020
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