Mittelalter Kreuzzug der Abgehängten

Mit Trommeln, Pfeifen und Steckenpferden: So stellte man sich im 19. Jahrhundert den Kinderkreuzzug vor.

(Foto: Getty Images)

Über die Alpen und das Mittelmeer bis nach Jerusalem: Gab es den sogenannten Kinderkreuzzug von 1212 wirklich? Eine Spurensuche.

Von Josef Schnelle

Im Frühsommer 1212 zogen sie los: Ohne Waffen und in Lumpen, aber mit Trommeln, Fahnen und Kreuzen machten sich Kinder auf den Weg ins Heilige Land, um Jerusalem zu befreien. Aus dem Dorf Cloyes-sur-le-Loir folgten sie dem Hirtenjungen Stefan, der behauptete, ihm sei Jesus erschienen.

Zur gleichen Zeit machten sich in Köln Kinder auf den Weg, wo sie Nikolaus folgten, einem nur zehnjährigen charismatischen Prediger, der schon einige Zeit diejenigen, die zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige in Köln pilgerten, belästigt hatte.

Die Reliquien hatte Rainald von Dassel nur knapp 50 Jahre zuvor noch in den alten karolingischen Dom geholt. So war Köln zu einem mächtigen Pilgerzentrum geworden.

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Doch was nun geschah, wurde Wunder und Legende. Beide Züge umfassten Tausende Kinder. Manchmal ist von 7000 Kindern die Rede, bezogen auf den französischen Zug sogar von 30 000, die sich schließlich in Marseille einschiffen wollten. Der deutsche Zug ging rheinaufwärts und unter großen Entbehrungen über die Alpen nach Genua.

Dort, das hatte Nikolaus versprochen, werde sich das Meer teilen, sodass sie trockenen Fußes ins ferne Land ihrer Sehnsüchte gelangen könnten.

Die eigentliche Kreuzzugsbewegung war um diese Zeit in eine heftige Krise geraten. Hatte Papst Urban II. 1095 mit seinem Aufruf zum "heiligen Krieg" noch ein schwer bewaffnetes Heer in Marsch setzen können, das schließlich nach der Eroberung der heiligen Stätten Balduin von Boulogne zum "König von Jerusalem" ausrufen konnte, so waren die weiteren Kreuzzüge vergleichsweise erfolglos geblieben.

Der IV. Kreuzzug ging überhaupt nicht nach Jerusalem, sondern diente nur dazu, die Reste des Byzantinischen Reiches in Konstantinopel zu plündern.

In dieser Zeit machte das Gerücht die Runde, auch "das Wahre Kreuz Christi", die wichtigste aller Reliquien - tatsächlich nur ein Kästchen mit verschiedenen Holzsplittern -, sei von Muslimen unter Saladin erbeutet worden. Das wollten die Kinder der Sage nach zurückerobern.

Sollten nicht unschuldige Kinder sowieso mehr Aussichten auf Erfolg bei einem wahrhaft christlichen, nämlich friedfertigen Eroberungsversuch haben als Ritterheere? Doch der Pilgerzug der Kinder kam nicht weit. So war die Enttäuschung grenzenlos, als sich das Meer keineswegs teilte bei Ankunft des arg dezimierten deutschen Zuges in Genua. Die Bewegung zerstreute sich schnell.

Immerhin zogen einige der Kinder und Jugendliche weiter zum Papst nach Rom, um sich vom selbstauferlegten Eid entpflichten zu lassen. Der französische Zug geriet dem Vernehmen nach sogar in die Fänge von Piraten, die eine Überfahrt anboten, die Kinder in Wahrheit aber schon in Alexandria auf dem Sklavenmarkt verkaufen wollten.

Gab es diese sogenannten Kinderkreuzzüge wirklich? Oder handelt es sich dabei nahezu ausschließlich um Trivialmythen und Geschichten? Die belastbare Quellenlage ist äußerst schwach. Augenzeugenberichte gibt es gar nicht.

Einzig die Kölner Stadtchronik "Chronica Regiae Colonienses", die "Marbacher Annalen" und die stark ausgeschmückten Erzählungen des Zisterziensermönchs Alberich von Trois-Fontaines weisen auf eine "törichte Heerfahrt der Kinder und Unbesonnenen" hin. Aber schon die lateinische Bezeichnung "peregrinatio puerorum" zeigt eine mehr versprechende Spur auf.

Unter "pueri", also Knaben, Kinder, verstand man damals im erweiterten Sinne eher Knechte, Hirten und Mägde, jedenfalls die unteren Stände abseits des stolzen Rittertums. So muss man sich vielmehr eine bunte Truppe der Abgehängten samt Dirnen und Taschenspielern vorstellen. Das Wachstum der reichen mittelalterlichen Städte ließ gerade ein verarmtes und wurzelloses Lumpenprekariat auf dem Lande entstehen.

Verzweifelte Hunger- und Armutswallfahrten

Nicht umsonst wurden die Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner aus Protest gegen den Hochmut der neuen Reichen in den Städten etwa zur gleichen Zeit gegründet. So verweisen die Geschichten von den Kinderkreuzzügen eher auf verzweifelte Hunger- und Armutswallfahrten, die zu jener Zeit tatsächlich nicht selten anzutreffen waren.

Einzig das Ziel Jerusalem unterschied die Pilgerfahrt der angeblichen Kinder von zahlreichen ähnlichen Wanderbewegungen.

Doch die Vorstellung vom Kreuzzug der Kinder wuchs sich aus zu einer bis heute wirkmächtigen Legende. Der große polnische Regisseur Andrzej Wajda hat den Stoff nach dem Roman von Jerzy Andrzejewski in seinem Film "Die Pforten des Paradieses" 1968 zu einer düsteren Studie über Erlösungssehnsucht und Autoritätsgläubigkeit verarbeitet.

Neben vielen trivialliterarischen Versuchen der Fiktionalisierung in Romanen, wie zum Beispiel in dem des Fassbinder-Vertrauten Peter Berling, verfasste auch Bertolt Brecht ein Gedicht, betitelt "Kinderkreuzzug 1939", in dem es darum geht, wie eine Gruppe von Kindern mitten im Krieg "ein friedliches Land" sucht. "Bitte um Hilfe. Wir wissen den Weg nicht mehr", heißt es da an einer Stelle.

So wird es auch den Teilnehmern aller Kinderkreuzzüge gegangen sein: Wenn schon die Erwachsenen die Zukunft nicht in die Hand nehmen wollen, warum nicht mit all ihrer "Kraft der Unschuld" die Kinder? Das ist der wahre Kern der Erzählung vom Kinderkreuzzug, und den hat erst kürzlich die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg mit ihrem Aufruf zum Schulstreik für eine Verbesserung der Umwelt als Star eines neuen "Kinderkreuzzuges" wiederbelebt, bis hin zu einem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Wenn es ihn womöglich nie gab, dann müsste der Kinderkreuzzug vielleicht gerade heute neu erfunden werden.

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