Terroranschläge in Kenia:Killer der eigenen Zukunft

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Terroranschläge in Kenia: Somalis unter Generalverdacht: Kenias Armee hat ihre Kontrollen verstärkt, nicht nur am Anschlagsort.

Somalis unter Generalverdacht: Kenias Armee hat ihre Kontrollen verstärkt, nicht nur am Anschlagsort.

(Foto: Ben Curtis/AP)

Einer der Attentäter von Garissa war ein Jurist mit maßgeschneiderten Anzügen, guter Perspektive - und somalischen Wurzeln. Sein Fall zeigt, wie die Regierung in Nairobi die Gesellschaft spaltet.

Von Isabel Pfaff

Jung, gut aussehend, einen Jura-Abschluss in der Tasche: Abdirahim Abdullahi hatte keinen offensichtlichen Grund, unzufrieden zu sein. Nach der Uni nahm er einen Job bei einer Bank an, seine Zukunft als Anwalt schien gesichert. Doch der 24-jährige Sohn eines kenianischen Regierungsbeamten hat sich gegen diese Zukunft entschieden. Am Donnerstag stürmte er mit drei weiteren Attentätern die Moi-Universität in Garissa im Osten Kenias und tötete im Namen der Islamistenorganisation al-Shabaab 148 Menschen.

Die vier Angreifer wurden selbst getötet. Kenianische Sicherheitskräfte sollen die Leichen am Samstag in Garissa öffentlich ausgestellt haben, am Sonntag gaben die Behörden dann die Identität Abdullahis bekannt. Seither herrscht Fassungslosigkeit in seinem früheren Umfeld. Ehemalige Kommilitonen, die mit ihm an der University of Nairobi studierten, beschreiben Abdullahi als intelligent, offen und freundlich. Auf Twitter kursieren Fotos: ein schmaler Mann mit smartem Lächeln, weißes Hemd, Anzug. Die seien maßgeschneidert gewesen, erzählen Studienkollegen der kenianischen Tageszeitung Daily Nation, Abdullahi habe nebenbei mit Kochgas gehandelt und ganz gut verdient.

Die Ausgrenzung der Minderheiten nützt den Terroristen

Doch Abdirahim Abdullahi war nicht nur der kluge Jurist mit Sinn fürs Geschäft, der zwar aus einer ärmlichen Ecke Kenias stammte, aber doch aus gutem Hause. Er war auch Kenianer mit somalischen Wurzeln. Damit gehörte er zu einer Minderheit, deren Alltag in Kenia in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist: Weil die somalische Al-Shabaab-Miliz immer wieder blutige Anschläge im Land verübt hat, gehen Sicherheitskräfte oft mit unbegründeter Härte pauschal gegen somalische Einwanderer und Muslime vor. Die Ausgrenzung dieser Minderheiten spielt wiederum den Terroristen in die Hände: Sie rekrutieren inzwischen auch in Kenia neue Anhänger und setzen so ihren Kampf gegen die Regierung in Nairobi fort.

Mit Anschlägen und Überfällen rächt sich al-Shabaab für den Einmarsch kenianischer Truppen in Somalia. Unter dem Dach einer Mission der Afrikanischen Union kämpfen kenianische Soldaten dort seit 2011 gegen die Islamisten.

Bisher galt vor allem die perspektivlose Bevölkerung in Kenias Armenvierteln und Flüchtlingslagern als anfällig für die Botschaft der Terroristen. Warum sich auch ein aufstrebender Anwalt mit einer glänzenden Zukunft zu ihnen hingezogen fühlte, kann sich in Kenia kaum jemand erklären. Abdullahi sei nicht sehr religiös gewesen, erzählt ein ehemaliger Kommilitone dem französischen Auslandssender RFI, "sicher kein Extremist".

Hat sich Abdullahi an der Highschool radikalisiert?

Und doch ist er vor etwa einem Jahr untergetaucht. Einem Sprecher des kenianischen Innenministeriums zufolge hatte Abdullahis Vater die Behörden 2014 darüber informiert, dass sein Sohn verschwunden war. Er befürchtete, dass Abdullahi nach Somalia gereist sei. Kenianische Medien bringen Abdullahis Highschool in Nairobi als möglichen Ort der Radikalisierung ins Spiel: Zwei Klassenkameraden von dort hätten sich ebenfalls islamistischen Organisationen angeschlossen.

Der Fall des Abdirahim Abdullahi zeigt, wie verheerend der achtlose Umgang der Regierung mit dem Terrorproblem ist. Es wird deutlich, dass die pauschale Verdächtigung von Minderheiten Wut auch unter jenen provoziert, die sozial eigentlich nicht am Rand stehen. So wird die Spaltung einer pluralen Gesellschaft vorangetrieben. An Kenias muslimischer Küste mehren sich die Rufe nach einer Abspaltung vom Rest des Landes und seiner christlichen Mehrheit. Auch dort übrigens, unter den Separatisten an der Küste, findet al-Shabaab zunehmend Anknüpfungspunkte.

Was ihren Kampf gegen den Terror betrifft, scheint die Regierung in Nairobi ein Umdenken jedoch nicht für nötig zu halten. Am Dienstag kündigte ein Sprecher des Innenministeriums an, man werde als Reaktion auf das Uni-Massaker die Zahl somalischer Flüchtlinge im Land drastisch reduzieren und sie in ihre Heimat zurückschicken. Wieder eine Pauschal-Strafe - und die nächste Rekrutierungsgelegenheit für al-Shabaab.

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