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Katar:Weitere Reformen im Wüstenstaat

Das Emirat, das 2022 die Fußball-WM austrägt, verspricht bessere Bedingungen und einen Mindestlohn für Arbeitsmigranten.

Von Dunja Ramadan

Katar - Baustelle WM-Stadion

Künftig sollen Arbeiter aus dem Ausland rund 30 Prozent mehr Geld bekommen. Bei früheren Reformen hakte es jedoch schon an Umsetzung und Kontrolle.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Für die Gastarbeiter in Katar breche ein neuer Morgen an, sagte ausgerechnet Sharan Burrow, die Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB), dem englischen Ableger von Aljazeera. Burrow hatte das Land immer wieder für seinen Umgang mit ausländischen Arbeitsmigranten kritisiert, sogar von "moderner Sklaverei" gesprochen. Nun hat sich das schwerreiche Emirat, das 2022 die Fußballweltmeisterschaft austrägt, zu weiteren Reformen durchgerungen, die die Lage der rund zwei Millionen Arbeiter nachhaltig verbessern soll. Sie sei hocherfreut über den Mut und die Führungsrolle der katarischen Regierung, sagte Burrow am vergangenen Sonntag.

Künftig können ausländische Arbeiter ihren Job ohne Zustimmung ihres Arbeitgebers wechseln. In der Vergangenheit verlangte das sogenannte Kafala-System, das einheimischen "Sponsoren" große Macht einräumte, eine Art Freigabebescheinigung. In dieser bestätigte der Arbeitgeber, dass er keine Einwände gegen den Jobwechsel habe. Die Bescheinigungen galten als letztes problematisches Überbleibsel des Kafala-Systems. Zuvor durfte ein Arbeitnehmer nur den Job wechseln, wenn er konkrete Misshandlungen am Arbeitsplatz nachweisen konnte. Häufig verlangten die Einheimischen hohe Ablösesummen, was oft zu Machtmissbrauch und Ausbeutung führte. Die Arbeitsmigranten waren ihrem "Kafil", ihrem einheimischen Sponsor, schutzlos ausgeliefert. Das Arbeitsministerium in Doha teilte nun mit, dass das sogenannte "No-Objection Certificate (NOC)" abgeschafft wurde.

Außerdem setzte das Emirat als erstes Land der Region einen monatlichen Mindestlohn in drei Stufen fest, der für Arbeitnehmer aller Nationalitäten und in allen Sektoren gelten soll: So erhalten Arbeitsmigranten mindestens 1000 Rial (etwa 230 Euro) Monatsgehalt. Außerdem muss der Arbeitgeber eine "angemessene Unterkunft" sowie Verpflegung zur Verfügung stellen oder ihnen weitere 800 Rial pro Monat zahlen - sodass der Mindestlohn zwischen 340 und 415 Euro variiert. Laut des IGB profitieren von dem neuen Gesetz rund 400 000 Arbeitnehmer, ihre Löhne erhöhen sich um 33 Prozent. Für die Einführung des Mindestlohns bekommen die Unternehmer allerdings ein halbes Jahr Zeit.

Die Arbeitsrechtsreform wurde gemeinsam mit der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ausgearbeitet. Seit 2018 hat die Sonderorganisation der Vereinten Nationen ein Büro in Doha. Houtan Homayounpour, der Büroleiter der Internationalen Arbeiter-Gewerkschaft, spricht auf Twitter von "fantastischen Ankündigungen" und einer Transformation des Arbeitsmarktes.

Die Zusicherung einer "angemessenen Unterkunft" ist gerade in Zeiten von Corona ein wichtiges Thema. In den vergangenen Monaten machte das Emirat Negativschlagzeilen, weil Arbeitsmigranten in Massenunterkünften untergebracht und somit einer besonderen Ansteckungsgefahr ausgesetzt waren, wie etwa Amnesty International berichtete. Erst vergangene Woche kritisierte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einem Bericht die Bemühungen der Behörden zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen als unzureichend. So müssten Arbeiter mitunter hungern und sich verschulden, weil Arbeitgeber während der Pandemie ihren Lohn zurückhielten. Diese Praxis ist zwar illegal, allerdings kritisierten Beobachter vor Ort gegenüber der SZ immer wieder, dass es häufig an der Umsetzung und Kontrolle jener Reformen hake. Steve Cockburn von Amnesty begrüßte die Reform, forderte die Behörden aber zugleich auf, diese nun "schnell und richtig" umzusetzen.

Die größte Kritikerin, Sharan Burrow, scheint jedenfalls erst einmal überzeugt. Den einzigen Seitenhieb verpackte die Australierin in einem Halbsatz: "Bis dahin war es eine lange Reise." Sie forderte die Golfstaaten - mit denen Katar seit 2017 im Clinch liegt - auf, dem Beispiel Dohas zu folgen. Das brachte ihr prompt einen Retweet vom dortigen Arbeitsministerium ein.

© SZ vom 01.09.2020
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