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Katalonien: Immer mehr Katalanen entdecken ihre separatistische Seele

Krise in Katalonien

"Estelada"-Flaggen der Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens sowie spanische Nationalflaggen hängen in Barcelona von den Balkonen.

(Foto: dpa)

Die Katalanen haben sich den Ruf erworben, geizige, kleinliche, unsolidarische Wichte zu sein. Doch nun steht die Einheit Spaniens zum ersten Mal wirklich auf dem Spiel.

Auf nichts sind die Katalanen so stolz wie auf ihre gelebte direkte Demokratie und auf ihre Debattenkultur. Vor allem in den Dörfern und Kleinstädten des katalanischen Hinterlandes gehören Abstimmungen, Volksbefragungen, Demonstrationen, Foren oder Versammlungen zum basisdemokratischen Alltag.

So auch in Arenys de Munt im grünen Küstengebirge des Maresme nordöstlich von Barcelona. Als dort vor Jahren über die Sanierung der Kanalisation abgestimmt werden sollte, stellte der Bürgermeister fest, dass eigentlich Madrid schuld an der überlasteten Röhre sei. Schließlich überweise Katalonien jedes Jahr sehr viel mehr Steuern an den spanischen Zentralstaat als es zurückbekomme. So wurde aus der Volksbefragung über die Sanierung der Kanalisation ein Plebiszit über die Loslösung von Madrid.

Hunderte von Dörfern und Kleinstädten taten es Arenys de Munt in den folgenden Jahren gleich, was eher symbolische Bedeutung hatte - bis schließlich die ganze Region am 1. Oktober dieses Jahrs über die Abspaltung abstimmte. 42 Prozent nahmen teil, von denen 90 Prozent dafür stimmten, also nicht die Mehrheit der Wahlberechtigten. Doch der Sog des Separatismus wird immer stärker.

Geizige, unsolidarische Wichte

Bislang war dieser eher eine Domäne des hügeligen Hinterlandes und der Berge, von Provinzstädtchen wie Vic, Girona, wo Carles Puigdemont Bürgermeister war, oder eben Arenys de Munt. An den Küsten, in Barcelona oder Tarragona sah man die Sache gelassener. Doch das harte Durchgreifen Madrids gegen die Separatisten hat dazu geführt, dass immer größere Teile der Bevölkerung ihre separatistische Seele entdecken. Wenn man die Befürworter der Unabhängigkeit fragt, was sie treibt, so geben sie als Antwort nicht selten: "ein Gefühl".

Für dieses Gefühl sind die Independentisten offenbar sogar bereit, die EU-Mitgliedschaft, den Euro, den Wirtschaftsstandort aufs Spiel zu setzen, ganz nach dem Credo, dass die Unabhängigkeit sowieso alle Probleme von alleine löst - wenn man nur endlich die Bevormundung aus Madrid los ist, und nicht mehr für Andalusien oder Extremadura mitzahlen muss.

Im Rest Spaniens haben die Katalanen sich dadurch den Ruf erworben, geizige, kleinliche, unsolidarische Wichte zu sein, die Fahnen, Unabhängigkeitserklärungen und schiefe historische Vergleiche benutzen, um sich Vorteile zu erpressen. Zum ersten Mal seit 1492 steht die Einheit Spaniens, einem der ältesten Nationalstaaten Europas, wirklich auf dem Spiel.

Sebastian Schoepp hat die Separatisten in den Bergen besucht. Lesen Sie die Seite Drei - mit SZ Plus.
Politik Spanien Der Separatismus wohnt in den Bergen

Seite Drei über Katalonien

Der Separatismus wohnt in den Bergen

Wer in die Dörfer der katalanischen Separatisten fährt, trifft auf friedliche, furchtbar nette Menschen. Wer mit ihnen über die Unabhängigkeit spricht, wird merken, es geht um Gefühle - naja, und ein bisschen auch ums Geld.   Von Sebastian Schoepp