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Kanaren:"Barcelona oder tot"

Migranten in Spanien

Ein Holzboot, mit dem Flüchtlinge aus Marokko über den Atlantischen Ozean gefahren sind, liegt an der Küste der Kanarischen Inseln.

(Foto: Javier Bauluz/dpa)

In kleinen Booten landen wieder jede Woche Hunderte Menschen auf den spanischen Kanaren. Die Regierung ist überfordert und will ein längst stillgelegtes Lager wieder in Betrieb nehmen. Helfer sagen, es gleiche einem Gefängnis.

Von Andrea Bachstein und Karin Janker, Madrid

Sie kauerten zu Hunderten auf dem Asphalt: An die 500 Geflüchtete schliefen am Wochenende im Hafen von Arguineguín auf Gran Canaria auf dem Boden. Das berichtet die spanische Hilfsorganisation CEAR. Die Menschen waren im Laufe des Samstags in Dutzenden Booten vor der Küste der Kanarischen Insel angekommen. 26 Jahre nach der Ankunft des ersten Flüchtlingsbootes seien die Kanaren noch immer ohne stabile Infrastruktur, um die Ankommenden zu versorgen, kritisiert die Organisation.

Die Helfer beobachten einen stetigen Anstieg der Zahl der ankommenden Flüchtlinge seit Juli - also etwa seitdem die erste Welle der Corona-Pandemie in Spanien abgeflaut ist. Zuletzt kamen laut CEAR-Zählung durchschnittlich 143 Menschen pro Tag auf den Kanaren an. Insgesamt seien in diesem Jahr bereits 8000 Menschen auf den Inseln angelandet, im Vorjahr waren es 2700. Die Neuankömmlinge werden vom Roten Kreuz auf das Virus Sars-CoV-2 getestet und mit dem Nötigsten versorgt.

Dieser Anstieg auf den Kanarischen Inseln steht gegen den Trend, denn Spanien verzeichnet dieses Jahr bisher insgesamt sinkende Zahlen von Migranten und Flüchtlingen, bis 11. Oktober waren es dem UNHCR zufolge rund 22 000, zwölf Prozent weniger als zur selben Zeit vor einem Jahr, und schon 2019 waren die Zahlen gesunken. Die Gesamtlage ist also nicht dramatisch, auch nicht im Vergleich zu Italien mit rund 26 000 Angekommenen und Griechenland mit 13 000.

Jahrelang war die meist genutzte Route von Nordafrika auf das spanische Festland die Straße von Gibraltar. Marokko erhielt 2019 europäische Mittel und kontrolliert dafür strenger an den Grenzabschnitten, die lange als kritisch galten. So sind offenkundig Fluchtwillige und die stets schnell auf neue Lagen reagierenden Schleuser in das südlichere Marokko ausgewichen, von wo die Kanaren am nächsten liegen.

Der Weg über diese Inseln etabliert sich offenbar erneut als Fluchtroute aus Afrika nach Europa. Während der Flüchtlingskrise 2006 waren dort etwa 31 000 Menschen angekommen. Danach riegelte die spanische Küstenwache die Route jahrelang ab, viele Flüchtlinge aus Mali oder dem Senegal wandten sich gen Westen. Einige Jahre lang führte eine viel frequentierte Route über Agadez in Niger. Seit aber dieser Fluchtweg dicht ist, wagen sich viele wieder aufs offene Meer hinaus, um nach Europa zu gelangen. "Barcelona oder tot", sagen sie in Senegal.

Die größte Nationalitätengruppe der Migranten, die nach Spanien gelangen, sind aber Algerier mit mehr als 40 Prozent, gefolgt von Marokkanern und Maliern. Es kommen Senegalesen, Mauretanier oder Menschen aus dem Westsahara-Gebiet. Ihre Wege über den Atlantik zu den Kanaren sind sehr unterschiedlich, auch unterschiedlich gefährlich. Marokko war wegen der kurzen Strecke von Migranten aus West- und Subsahara-Afrika stets viel benutzt worden als letzte Etappe nach Spanien. Vom marokkanischen Tarfaya sind es etwa 100 Kilometer zu den Kanaren, von Ad-Dakhla im Westsahara-Gebiet schon etwa 500 Kilometer, doppelt so weit schon von Nouakschott in Mauretanien.

Die Flüchtlinge kommen vor den Kanaren in offenen kleinen Fischerbooten an, Küstenwache und Seenotretter entdecken sie in den Küstengewässern und bringen sie an Land. Immer wieder verfehlen jedoch Boote die Inseln und treiben aufs offene Meer hinaus. Dann liegen vor den kleinen Booten mit ihren Außenbordmotoren 6500 Kilometer Wasser bis Kuba. Die Zahl der Toten wird auf mehrere Tausend geschätzt.

Die Regierung will Geflüchtete in den erhaltenen Trakten eines stillgelegten Lagers unterbringen

Spaniens Migrationsminister José Luis Escrivá hat den Kanaren nun "eine umfassende Antwort des Staates" versprochen. Just als der Minister am vorvergangenen Wochenende den Inseln einen offiziellen Besuch abstattete, kamen binnen 36 Stunden mehr als 1100 Flüchtlinge an. Escrivá zeigte sich ergriffen vom Leid dieser Menschen. Der Minister besichtigte unter anderem ein stillgelegtes Flüchtlingslager in El Matorral auf Fuerteventura, das 2018 geschlossen worden war, weil es den Normen nicht mehr entsprach und zuvor bereits sechs Jahre lang leer gestanden war.

Die Zentralregierung in Madrid will die Anlage bis zum kommenden Jahr sanieren lassen, um sie wieder zu öffnen. Doch es wächst der Druck von Seiten der kanarischen Regionalregierung, die am besten erhaltenen Trakte bereits jetzt in Betrieb zu nehmen und dort Menschen einzuquartieren.

Iriome Rodríguez, Sprecher der Hilfsorganisation Ärzte der Welt, kritisiert die geplante Wiedereröffnung. Das Lager habe schon als es noch in Betrieb war, einem Gefängnis geglichen, die Unterbringung sei gegen die Menschenrechte, sagte er der Zeitung La Vanguardia. Rodríguez äußerte Unverständnis darüber, dass eine Region wie die Kanaren, der es gelinge, pro Saison 13 Millionen Urlauber unterzubringen, daran scheitere, ein paar Tausend Flüchtlinge zu versorgen.

Bisher versuchen die Behörden die Geflüchteten auf Notunterkünften zu verteilen: in leere Missionsgebäude, ehemalige Kinderheime, Feldlager oder auf Industrieschiffe. Einige Familien wurden in leer stehenden Hotels einquartiert. Migrationsminister Escrivá versicherte den Hoteliers indes, dass diese Unterbringung nur vorübergehend sei.

© SZ
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