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Jugoslawien:Tito - Geltungssüchtiger, Frauenheld und Lieblingsdiktator des Westens

A portrait of Tito is seen in his underground secret bunker (ARK) in Konjic

Überlebt: Ein Porträt von Tito, ganz nach seinem Geschmack. Es hängt immer noch in seinem Atombunker in Bosnien.

(Foto: Dado Ruvic/Reuters)

Wie war Jugoslawiens Staatschef Tito wirklich? Nun liegt eine faktenreiche Biografie auf Deutsch vor über den aufgestiegenen Partisanenführer, der einst mit Sophia Loren Pasta kochte.

Warum jetzt? Es ist vielleicht die drängendste Frage, die sich angesichts dieser schwergewichtigen Biografie stellt. 586 Seiten (ohne Anhang), eng bedruckt über Tito, über einen lange Toten also, der keinen runden Geburtstag hat, auch keinen Todestag. Das Land, das er geschickt regierte und teils brutal zusammenhielt, ist zerfallen, in den Balkankriegen zerstört worden, und viele der Menschen dort sind ernüchtert von dem, was dann kam. Gerade bei den Älteren führt das zu einer gewissen Tito-Nostalgie. Aber in Deutschland?

Klar, Josip Broz alias Tito war einer der Lieblingsdiktatoren des 20. Jahrhunderts. Anders als seine traurigen Zeitgenossen wie Nicolae Ceauşescu in Rumänien oder auch Erich Honecker in der DDR hat er etwas geschafft, was im sozialistischen Lager sonst nur noch Fidel Castro gelungen ist: Er war das, was man Kult nennt - auch außerhalb seines Landes. Auf der Adria-Insel Brioni kochte Tito mit Sophia Loren Spaghetti, dort bewirtete er Richard Burton und Gina Lollobrigida.

Als er im Mai 1980 im Alter von 87 Jahren starb, kamen vier Könige, fünf Prinzen, 31 Staatspräsidenten, 22 Premierminister und 47 Außenminister zu seiner Beerdigung. Das lag an Titos einnehmender Persönlichkeit, zu der auch erhebliche Geltungssucht gehörte; es lag an seinem Geschick zu politischen Händeln.

Wertvolle Einblicke in Moskau

Vor allem aber lag es wohl daran, dass er ein echtes Leben vorzuweisen hatte, das ja gleich mehrere Leben umfasste: als Partisanenführer, als Sozialist, als Frauenheld, als Prunksüchtiger, als unabhängiger Geist, der mit der Bewegung der Blockfreien einen dritten Weg zwischen den USA und der Sowjetunion ebnete. Das alles aber ist längst erzählt. Warum also jetzt dieses Buch?

Der Grund ist profan, wie Jože Pirjevec, Autor von "Tito. Die Biografie", sagt: "Die Übersetzung war einfach fertig." Das Buch erschien bereits 2011 in Slowenien und entwickelte sich dort schnell zum Bestseller. Statt der erwarteten 5000 Exemplare wurden 25 000 abgesetzt, Slowenien hat gut zwei Millionen Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland hätte Pirjevec so gesehen eine Million Bücher verkauft.

Inzwischen gibt es eine kroatische, eine serbische und eine montenegrinische Ausgabe, Pirjevec selbst hat das Buch außerdem ins Italienische übersetzt. Eine englische Ausgabe wird vorbereitet, auch mit russischen Verlagen ist er im Gespräch. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass dieses Buch so erfolgreich wird", sagt Pirjevec.

Pirjevec, 76, ist ein renommierter Historiker und ein Wanderer zwischen den Welten. Er wurde in einer slowenischsprachigen Familie in Triest geboren und hat in Ljubljana promoviert. 1978, als die britischen Archive zu Jugoslawien geöffnet wurden, begann er, sich mit Tito auseinanderzusetzen.

Damals sei er der Frage nachgegangen, was genau zwischen den Genossen und Antipoden Stalin und Tito geschehen ist, erzählt Pirjevec. "Das hat mich so fasziniert, dass ich mich seitdem mit Tito beschäftigt habe."

Er hat in den Archiven der Bundesrepublik und der DDR geforscht, auch in denen der Kommunistischen Internationalen (Komintern) in Moskau. Das sind wertvolle Einblicke, denn die Archive in Russlands Hauptstadt waren zwar unter Boris Jelzin kurzzeitig geöffnet worden, inzwischen sind sie aber wieder unter Verschluss. So heißt es dann auch im Klappentext des Buchs, die Arbeit "ist das Ergebnis einer dreißigjährigen Forschungsarbeit". Und das merkt man.

"Tito" ist eine detailreiche Schilderung seines Lebens, die einen sehr kompletten Eindruck macht. Allein die Literatur- und Quellenverweise nehmen noch einmal 100 Seiten ein. In den ersten Abschnitten, sie handeln vom jungen Broz, ertrinkt der Leser fast in den Fakten. Es geht um den Aufbau der Kommunistischen Partei in Jugoslawien, um Broz' Aufenthalt in Moskau, um seine Tito-Werdung.

All das ist sehr von innen heraus geschildert, eine hilfreiche Einordnung, in welcher Lage sich der Balkan zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand, fehlt leider. Auch die streng chronologische Struktur des Buches macht es einem schwer, sich hineinzulesen. Der erste Abschnitt heißt tatsächlich "Lehr- und Wanderjahre", der dritte ist mit "Anfänge der Parteitätigkeit" überschrieben.