Jemen Katjuschas auf das Königreich

Die schiitischen Huthi-Milizen feuern Raketen von Jemen aus über die Grenze nach Saudi-Arabien. Sie tragen so den Krieg in das Nachbarland.

Von Paul-Anton Krüger, Riad

Der "Palast für möbliertes Wohnen" in al-Tawal sieht nicht gerade majestätisch aus. Die Läden im Erdgeschoss sind verrammelt mit beigen Metall-Rollläden, die Apartments in dem vierstöckigen Haus stehen seit Wochen leer. Der Grund: Löcher in der sandfarbenen Fassade, manche faustgroß. Metallsplitter aus dem Sprengkopf einer Katjuscha-Rakete haben sie gerissen. Abgefeuert wurde sie von Huthi-Milizionären aus Jemen. Al-Tawal liegt im südlichsten Zipfel Saudi-Arabiens bei Jazan, 25 Kilometer vom Roten Meer, keine zwei Kilometer von der Grenze. "Es war zwischen dem Nachmittags- und dem Abendgebet", sagt Mohammed Ahmed al-Hawaji. "Ich saß beim Essen, als die Raketen einschlugen."

Der pensionierte Lehrer, 65, steht vor seinem Haus gegenüber dem Apartmentblock, gekleidet in ein blütenweißes Gewand, im Gesicht eine dunkle Sonnenbrille mit goldenen Bügeln. In seiner Hand hält er eine Gebetskette mit weißen Perlen und einen hellgrünen Zettel. Es ist der Totenschein seines Cousins. Der wurde von den Raketen getötet. Das Wrack seines Autos steht noch in der Straße, die Scheiben geborsten, Rückspiegel und Kühlergrill hängen herab. Die Explosion hat die Wand des Nachbargebäudes eingedrückt, das Loch ist groß genug, um hindurchzusteigen. Hawajis Haus steht noch, aber es ist überzogen von Schrapnell-Einschlägen.

Saudi-Arabien hat im März 2015 an der Spitze einer Militärkoalition mit elf weiteren Staaten in den Bürgerkrieg in Jemen eingegriffen. Die Huthi-Milizen waren im Herbst 2014 in die Hauptstadt Sanaa einmarschiert und verjagten im Jahr darauf den international anerkannten Präsidenten Abd Rabbo Mansour Hadi. Das Königreich stützt sich auf ein Hilfegesuch Hadis an den Golfkooperationsrat und die UN-Resolution 2216, die von den Huthis fordert, aus eroberten Gebieten abzuziehen, die von der jemenitischen Armee erbeuteten Waffen wieder abzugeben und die legitime Regierung wiederherzustellen.

Saudi-Arabien sieht die Huthis überdies als Handlanger des schiitischen Regimes in Iran - dem schärfsten Rivalen des sunnitischen Königreichs. Die Milizen der Huthis, einer schiitischen Minderheit, die in der Provinz Saada ansässig ist, gleich jenseits der saudischen Grenze, tun seither alles, um den Krieg in das Nachbarland zu tragen. Sie sprechen von Vergeltung für den Luftkrieg. Wen sie trifft, ist ihnen egal.

In al-Tawal steht das Leben still, seit vor sechs Monaten die Angriffe begannen. Die Läden in der Dorfstraße sind bis auf einen geschlossen. Die Bäckerei liegt in Trümmern, die Moschee ist beschädigt. Im Fischladen steht nur noch eine leere Vitrine. Kaum ein Mensch ist auf der Straße. Die Raketen kommen ohne Warnung. Kaum hört man ihr Pfeifen, kracht es schon. Zwei Drittel der 30 000 Einwohner haben den Ort verlassen, sagen jene, die geblieben sind.

Kriegerinnen und Kalaschnikows: Frauen der jemenitischen Huthi-Rebellen bei einer Demonstration in Sanaa, die gegen Saudi-Arabien gerichtet ist.

(Foto: Mohammed Huwais/AFP)

Die Menschen sind ein hartes Leben gewohnt. Sie betreiben Landwirtschaft. Die Mangos gelten als die besten Saudi-Arabiens, die Bäume wachsen auf staubig-brauner Erde. Sie gedeihen gut im feucht-heißen Klima. Jetzt, Ende Januar, hat es 30 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt über 90 Prozent. Im Sommer ist es kaum zu ertragen. Limousinen und Sportwagen wie in Riad gibt es hier nicht, nur Staub überzogene weiße Toyotas und Lieferwagen.

Schlimmer noch als al-Tawal treffen die Raketen Najran, 180 Kilometer nordöstlich, eine Stadt mit 250 000 Einwohnern, von denen etliche, wie die Huthis, Schiiten sind. Sie liegt direkt an der Grenze, für deren Verteidigung General Saad al-Shahrani zuständig ist. Mit mehr als 200 Posten in den kargen Bergen und der Wüste versuchen seine Männer auf 320 Kilometern Vorstöße der Huthis zu verhindern, sagt er. In kleinen Gruppen attackierten sie die saudischen Truppen, versuchten Minen zu legen oder Orte zu beschießen. Eine Grenzbefestigung gibt es nicht, auch keinen Zaun.

In Riad sitzen Offiziere vor den Bildschirmen und steuern die Kampfjets

Die Menschen in der Stadt gehen stoisch ihren Beschäftigungen nach. Aber die Gefahr ist allgegenwärtig. Immer wieder ist das dumpfe Feuer der saudischen Artillerie zu hören, das Grollen von Kampfjets, aber auch die Einschläge auf saudischem Gebiet. Selbst im Büro des Generals hat ein Raketen-Treffer Löcher hinterlassen. 17 000 Geschosse sind seit März 2015 im Süden Saudi-Arabiens niedergegangen, sagt er, Raketen, aber auch Mörser- und Artilleriegranaten. Die meisten treffen zivile Gebiete. Laut der Regierung wurden mehr als 600 Menschen getötet oder verletzt. 2500 Gebäude im Gebiet von General al-Shahrani wurden beschädigt, auch Schulen, Krankenhäuser, Moscheen.

Der Flughafen von Najran ist geschlossen, nur Militärmaschinen dürfen landen. Eine Batterie mit Patriot-Luftabwehrraketen steht im Wüstensand, aber sie kann nur ballistische Raketen abfangen. Gegen die kleineren Katjuschas gibt es keinen Schutz, sagt der Kommandeur dort. Und auch nicht gegen die von Iran entwickelten Artillerie-Raketen, die bis zu 180 Kilometer weit fliegen. Eine ist im August in das Kraftwerk von Najran gekracht. Drei Tage brannte die mit Rohöl betriebene Anlage - 25 Millionen Euro Schaden.

Über diesen Teil des Krieges ist nur wenig bekannt. Erst seit Kurzem ermöglicht die Regierung in Riad westlichen Journalisten wie nun der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen, in die Region zu reisen. Das Königreich sieht sich scharfer Kritik ausgesetzt, weil bei Luftangriffen der Koalition in Jemen immer wieder Zivilisten sterben. Nach einem Angriff im Oktober auf eine Trauerfeier in Sanaa, bei dem 140 Menschen starben, kritisierten die USA ungewöhnlich deutlich die "hohe Rate ziviler Opfer" und stoppten vorübergehend die Lieferung von Lenksätzen für Bomben an die saudische Luftwaffe.

SZ-Karte

(Foto: )

Das Königreich erhofft sich von der neuen Offenheit "Fehlinformationen und falsche Vorstellungen" zu korrigieren, wie es General Ahmed al-Asiri formuliert, Sprecher der Militärkoalition und zugleich Berater des Verteidigungsministers und Vize-Kronprinzen Mohammed bin Salman. Saudi-Arabien sieht seine nationale Sicherheit, aber auch internationale Interessen wie die Schifffahrt im Roten Meer und die Durchsetzung von UN-Resolutionen bedroht - durch "die erste Miliz der Welt, die ballistische Raketen besitzt". Das Militär hat mehr als 20 davon abgefangen, eine flog auf Mekka zu, die heilige Stadt der Muslime.

Die UN haben ihre Zahl der zivilen Opfer in Jemen Anfang des Jahres drastisch auf 10 000 nach oben korrigiert. Asiri bestreitet aber vehement Vorwürfe von Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen, dass Luftangriffe für die Mehrzahl dieser Opfer verantwortlich sind. Ihnen und selbst den UN hält er vor, sich auf überhöhte Zahlen der Huthis zu verlassen.

In der Operationszentrale der Koalition auf dem König-Salman-Luftwaffenstützpunkt in Riad stehen die Flaggen der an der Koalition beteiligten Staaten. Offiziere sitzen vor Bildschirmen und steuern die Kampfjets. Jedes Gebäude werde als zivil betrachtet, erklärt der für die Zielfindung zuständige Offizier. Nur wenn es gesicherte Anhaltspunkte für militärische Aktivitäten gibt, werde ein Angriff geplant - und nur wenn dies möglich sei, ohne Zivilisten zu töten. Auch würden nur gelenkte Bomben eingesetzt. Er wirft eine Landkarte von Jemen an die Wand, 30 000 bunte Pins markieren Orte, die für Angriffe tabu sind.

Natürlich könne der Konflikt nur politisch gelöst werden, sagt General al-Asiri. Die Militäroperation könne lediglich die Bedingungen schaffen. "Und niemand übt mehr Druck aus auf die jemenitische Regierung, als das Königreich." Zugleich müssten aber die legitimen Institutionen in Jemen erhalten werden, die Regierung und vor allem die Armee. Die habe man mühevoll wieder aufgebaut, und inzwischen kontrolliere sie 80 Prozent des Territoriums. Die Menschen im Grenzgebiet sagen, sie wollten nur wieder im Frieden mit den Nachbarn leben. Doch der UN-Vermittler Ismail Ould Cheikh Ahmed konnte dem Sicherheitsrat am Mittwoch nicht von entscheidenden Fortschritten berichten. So werden wohl weiter die Raketen der Huthis in Najran einschlagen und die Bomben saudischer Kampfjets auf Jemen fallen.