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Japan:Wer braucht schon Bienen?

Forscher wollen Pflanzen per Seifenblase bestäuben.

Von Thomas Hahn

Der Bioniker Eijiro Miyako ist eine Art Gott. So zumindest kann man seine Jobbeschreibung auf der Internetseite des Japanischen Fortschrittsinstituts für Wissenschaft und Technologie (JAIST) in Nomi, Präfektur Ishikawa, verstehen. Demnach ist Miyako nämlich für die "Schöpfung bahnbrechender Technologie" zuständig. Und diese Aufgabe ist ihm nicht zu groß, wie internationale Medien gerade staunend feststellen. Mit seinem Laborteam hat Miyako ein Kunststück der Weltveränderung vorgelegt, dessen Prinzip grob gesagt lautet: Seifenblasen statt Bienen.

Wenn die Natur zu schwach ist, hilft man halt nach - dieses Zweckdenken ist besonders in Japan verbreitet. Roboter gehören dort ja teilweise schon zum Stammpersonal - auch Eijiro Miyako wollte den Folgen des Bienensterbens erst mit einem Roboter beikommen. Einseitige Landwirtschaft, Insektizide, Klimawandel und weitere Faktoren haben Bienen und anderen Insekten weltweit zugesetzt. Weil diese aber Obstbäume und andere Pflanzen bestäuben, blieb ohne sie die Ernte karg. Mancherorts steigen schon Arbeiter auf die Bäume, um die Blüten einzeln mit Pinseln zu bestäuben. Miyako wollte eine bequemere Lösung.

Er entwickelte eine Art Roboter-Biene: Eine winzige mit Pferdehaar verkleidete Drohne, die Pollen zu den Blüten transportieren sollte. Das Gerät bewährte sich nicht, weil seine Rotoren die Blüten rasierten. Eine schonendere Methode musste her. Miyako fand sie, als er mit seinem Sohn im Park war. Das Kind spielte mit Seifenblasen. Sie zerplatzten laut- und spurlos an seinem Kopf. Da kam Miyako die Idee: Bestäubung via Seifenblasen.

Drei Jahre Forschungsarbeit waren nötig, ehe Miyakos Team das Ergebnis jetzt in der Wissenschaftszeitschrift iScience vorstellen konnte. Gesucht wurde zunächst das richtige Material für die Bestäubung der Zukunft. Eine 0,4-prozentige Lauramidopropyl-Betain-Lösung ergab schließlich die passende Seifenblase: umweltverträglich, blütenstaubkompatibel, robust genug, um 2000 Pollenkörner zu transportieren. Der Praxistest fand in einem Birnengarten statt. Von einer Drohne aus beschossen die Forscher die Bäume. Ergebnis: Wenn zwei bis zehn Pollenseifenblasen auf eine Blüte treffen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Frucht entwickelt, genauso groß wie bei der Bestäubung per Pinsel. "Ich habe vor Freude einen Luftsprung gemacht", sagt Eijiro Miyako im New Scientist.

Für ausgereift hält Eijiro Miyako sein Produkt nicht: Bessere Seifenblasen-Kontrolle ist das Ziel, damit die leichte Ware keine Beute von Regen, Wind oder Drohnen-Rotoren wird. Er muss wohl auch noch etwas Überzeugungsarbeit leisten. Seine Erfindung weckt nicht einhellige Begeisterung. Manche Experten befürchten, die bestäubenden Seifenblasen könnten Landwirte dazu verleiten, nichts mehr für den Insektenschutz zu tun. Außerdem können Seifenblasen nicht, was Insekten können, nämlich Pollen von der einen Blüte zur nächsten tragen.

Und der Biologe Dave Goulson von der University of Sussex sagt in der New York Times: "Es beunruhigt mich, dass wir auf die Bestäubungskrise damit reagieren, dass wir Bestäubung ohne Bestäuber finden, statt uns darum zu bemühen, unsere Umwelt zu pflegen."

© SZ vom 14.07.2020

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