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Japan:Land der Alten

Keine Nation schrumpft schneller als der Inselstaat im Pazifik. Doch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt gesteht sich nur sehr langsam ein, dass sie sich selbst nicht genügen kann.

Von Thomas Hahn

Yuzawa in der Präfektur Akita war in den vergangenen Tagen plötzlich interessant für Japans Medienvertreter. Ungewöhnlich viele von ihnen kamen in die kleine Stadt am Fuße des Ou-Gebirges. Sie wollten den Ort sehen, in dem vor bald 72 Jahren Yoshihide Suga, Japans neuer Premierminister, als Sohn eines Erdbeerbauern geboren wurde. Sie erlebten einen freundlichen Fankult um den Nachfolger des zurückgetretenen Langzeitregierungschefs Shinzo Abe: Banner, Sonderangebot-Aktionen, Erdbeerjoghurt-Verkauf zu Sugas Ehren.

Aber sie erlebten auch die Symptome eines mächtigen japanischen Gegenwartsproblems: verlassene Geschäfte, zurückgehende Schülerzahlen, schwindende Steuereinnahmen. Fast 40 Prozent der 44 000 Einwohner sind über 65. In Yuzawa kann man Japan beim Aussterben zusehen. Die Stadt zeigt den Trend, den Abes Regierung nicht aufhalten konnte. Kein Land schrumpft und altert schneller als der stolze, große Inselstaat im Pazifik.

Ob Yoshihide Suga erfolgreicher sein kann im Kampf gegen Überalterung und zurückgehende Geburtenraten? Er hat jedenfalls gesagt, das Thema gehöre zu seinen wichtigsten Herausforderungen. Das Ausland wird aufmerksam verfolgen, wie er damit umgeht. Japan ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit 126 Millionen Einwohnern - wenn so einem Riesen der Nachwuchs ausgeht und der Anteil der Ü-65-Menschen auf die 30-Prozent-Marke zusteuert, kann das keinem egal sein. Außerdem ist Japan nicht die einzige schrumpfende Gesellschaft. Demografischer Wandel kennzeichnet praktisch alle Wohlstandsländer. Auch in Deutschland ringt die Politik um Lösungen. Man hofft, von Japan lernen zu können.

Kann man? Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Denn auch wenn Japan ein sogenannter Wertepartner Deutschlands ist - die Umstände und kulturellen Hintergründe in beiden Nationen sind doch sehr unterschiedlich. In den vergangenen Jahren hat Japan vor allem auf die Auswirkungen der sinkenden Bevölkerungszahl reagiert. Abes rechtskonservativer Regierung ging es darum, den Arbeitskräftemangel aufzufangen. Notgedrungen rückte sie deshalb etwas von ihrer traditionellen Vorstellung ab, wonach nur Männer arbeiten und Frauen zu Hause bleiben. Roboter und künstliche Intelligenz sind ebenfalls wichtige Faktoren bei dem Vorhaben, Japan am Laufen zu halten. Unter Abe trat auch ein neues Programm für Zuwanderung in Kraft. Und schließlich sind die Senioren selbst Säulen der modernen japanischen Gesellschaft. Das Rentenalter auf 70 anzuheben, ist im Gespräch. Unternehmen folgen dem Aufruf, auch auf reifere Semester zu setzen. Kommunen und private Agenturen vermitteln Arbeitskräfte über 65. Und viele Senioren nehmen die Angebote gerne wahr: Die einen, weil sie einfach noch etwas tun wollen. Die anderen auch, weil ihre staatliche Rente zu schmal ist.

Japan würdigt den Wert der Erfahrung, statt einem ewigen Jugendwahn zu folgen - daran könnte man sich in Europa tatsächlich ein Beispiel nehmen. Medizinischer Fortschritt und ein tiefes Verständnis für Gesundheitsprophylaxe prägen den Lebensstil in Japan. So ist eine agile Rentnergeneration gewachsen, die sich nicht mit der Klage über gebrochene Generationenverträge aufhält, sondern froh ist, dass man ihr noch etwas zutraut.

Trotzdem, der japanische Weg ist nicht so leicht auf Europa zu übertragen. Schmale Renten? Ruhestand mit 70? In Japans Kollektivgesellschaft nimmt man so etwas eher hin, in Deutschland pochen Gewerkschaften aus gutem Grund auf die Rechte des Einzelnen nach einem langen Arbeitsleben. Und sonst? Frauen in Jobs ist keine Maßnahme gegen Arbeitskräftemangel, sondern der Mindeststandard in einer freien Gesellschaft mit Gleichstellungsanspruch. Roboter können vieles, aber nicht alles. Und Japans Einwanderungsprogramm ist im Grunde ein recht großes Zugeständnis an die nationalistische Grundhaltung der politischen Elite im Inselstaat, dass man zu viele Fremde eigentlich nicht im Land haben will.

Japan stellt nur sehr langsam fest, dass es sich selbst nicht genügen kann. Die Weltbevölkerung wächst, in den reichen Ländern fehlen Leute - hier liegen Chancen für alle. Aber Japan hat sich unter Abe nicht einmal richtig an der Flüchtlingshilfe beteiligt. Es ist hausgemacht, dass Japan mehr Menschen verliert als die anderen G-7-Staaten. Und andere strukturelle Reformen sind kaum erkennbar: Im Wettbewerb um junge Zuzügler kämpft jede ländlich geprägte Präfektur für sich selbst gegen die anderen Präfekturen. Dabei wollen ohnehin fast alle nach Tokio oder in die anderen Ballungszentren.

Immerhin, der neue Premier Suga hat angekündigt, die Dezentralisierung vorantreiben zu wollen, um den ländlichen Raum mit Orten wie Yuzawa zu stärken. Eine mächtige Aufgabe. Sie drängt überall, wo der demografische Wandel wirkt. Sollte Suga sie meistern, könnte Europa wirklich etwas von Japan lernen.

© SZ vom 18.09.2020

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