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Israelkritiker Avraham Burg:Flammende Grabreden auf den Zionismus

Am Rednerpult ist der ehemalige Politiker in seinem Element. Burg erzählt von seiner Kindheit im vornehmen Jerusalemer Stadtteil Rehavyia, von seinem Vater. Der emigrierte 1938 von Dresden nach Palästina und gründete in den fünfziger Jahren die Nationalreligiöse Partei. Burgs Vater war Minister in 19 Regierungen - von David Ben-Gurion bis zu Schimon Peres. Avraham Burg spricht selbst nur einige Brocken Deutsch. Sein "ureigenes Oxymoron" nennt Burg Deutschland. Eine Art Heimat, obwohl er nie hier gelebt hat. Und fügt zwinkernd an, immerhin sei er bereits zum Berlin-Marathon angetreten.

Wenn Burg von seiner Familie spricht, dann tut er das lebhaft und anrührend. Jede Anekdote strotzt vor Liebe - und Stolz. Burg liebt nicht nur seine Eltern, seine Frau und die sechs Kinder, er liebt auch die Polemik. Er war Wortführer der Friedensbewegung während des ersten Libanonkriegs 1982, für den sein Vater als Minister mitverantwortlich zeichnete. Als Sohn eines Nationalreligiösen setzte Burg sich vehement für die Trennung zwischen Staat und Religion ein. Um dann als Knesset-Sprecher zu veranlassen, dass vor und nach den Parlamentssitzungen gebetet werde. Und damit nicht nur die Säkularen verstörte, sondern auch die Orthodoxen. Verstört waren die Abgeordneten auch, als er auf dem Höhepunkt der Zweiten Intifada den palästinensischen Ministerpräsidenten Achmed Kurei einlud, zu ihnen zu sprechen.

Flammende Grabreden auf den Zionismus

Mit der Verortung seiner Person tut Burg sich schwer. Wenn man wolle, könne man ihn als Postzionisten bezeichnen. Die Postzionisten wehren sich gegen den ethnischen Nationalismus, den der Zionismus vorgibt und mit dem, so ihre Argumentation, sich universelldemokratische Werte nicht aufrechterhalten ließen. Seit mehr als einem halben Jahrzehnt hält Avrum, wie er von Freund und Feind gleichsam genannt wird, flammende Grabreden auf den Zionismus. Die zionistische Idee habe ihre Berechtigung verloren - sei mittlerweile selbst ein Grund für den Antisemitismus in der Welt.

Harsche Worte für einen, der einmal so etwas wie ein zionistischer Exekutivdirektor war: Avraham Burg war Mitte der neunziger Jahre Vorsitzender der Jewish Agency. Als Chef der mächtigen Einwanderungsbehörde war er verantwortlich für die Einwanderung einer halben Million Juden aus den GUS-Staaten nach Israel.

Jemand aus dem Publikum fragt ihn, wie es zu einem derartigen Gesinnungswandel kommen konnte. Feierlich zitiert Burg da den Religionsphilosophen Martin Buber. Statt sich der Realität zu ergeben, habe er sich entschieden, seine innere Wahrheit zu leben. Klingt auch sehr privilegiert, irgendwie.

© sueddeutsche.de/gba
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