Ex-Botschafter Avi Primor:"Seit Jahren spricht Netanjahu von einer Zwei-Staaten-Lösung - aber er hat nichts dafür getan"

Lesezeit: 4 min

sueddeutsche.de: Immerhin hat sich Netanjahu öffentlich bei den Ägyptern dafür bedankt, dass sie das israelische Botschaftspersonal beim Sturm der Vertretung in Kairo beschützt haben. Ist das ein neuer, konzilianter Netanjahu?

Ex-Botschafter Avi Primor

Israels Botschafter in Bonn und Berlin zwischen 1993 und 1999: Avi Primor. Diese Aufnahme entstand in Tel Aviv.

(Foto: dpa)

Primor: Es ist der alte Netanjahu der Lippenbekenntnisse. Seit zwei Jahren spricht er von einer Zwei-Staaten-Lösung - aber er hat nichts dafür getan. Was ihm am Herzen liegt ist eine rechte Ideologie, von der er tiefgreifend überzeugt ist. Darüber hinaus will er seine Koalition retten. Er weiß: Wenn er Zugeständnisse macht, werden seine ultrarechten Partner wie Außenminister Avigdor Lieberman sofort "Verrat" schreien.

sueddeutsche.de: In den vergangenen Monaten, seit dem Entern der sogenannten Gaza-Hilfsflotte, hat sich das einst ausgezeichnete Verhältnis Israels zur Türkei rapide verschlechtert. Trägt für diese Entwicklung nur Israel Verantwortung?

Primor: Nein, auch der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan. Beide Seiten haben nicht ernsthaft versucht, die Situation zu deeskalieren. Die Entwicklung schadet beiden Ländern, wobei es für Israel sicherlich schmerzlicher ist.

sueddeutsche.de: Wo gibt es noch regionale Partner für Israel? Erdogan sucht inzwischen auch den militärpolitischen Schulterschluss mit Ägypten, in Syrien mordet das Regime von Präsident Assad, im Libanon ist die radikale Schiiten-Miliz Hisbollah ein entscheidender Machtfaktor.

Primor: Es bleibt nur noch Jordanien - ein kleines und schwaches Land, mit dem wir die längste Landgrenze haben. Aber kein Mensch weiß, wie sich Jordanien entwickelt, denn dort brodelt es auch.

sueddeutsche.de: Fühlt sich Israel umzingelt von Feinden?

Primor: Diese Sorge gibt es und sie spielt der Netanjahu-Regierung in die Hände. Wenn wir Israelis uns nicht in Sicherheit fühlen, dann vergessen wir alle anderen Probleme rasch. Dann ebbt auch eine mächtige Protestbewegung, wie wir sie in diesem Jahr erlebt haben, schnell ab.

sueddeutsche.de: Sind sie wirklich so pessimistisch, wie Sie klingen, Herr Primor?

Primor: Ich bin tatsächlich pessimistisch. Welche Regierung sollte etwas Positives bewegen können? Die israelische ist an einem Kompromiss nicht interessiert, die palästinensische tut etwas, was sie massiv schädigen wird, die ägyptische Regierung ist getrieben von den Massen, die Türkei facht Konflikte an, statt zu vermitteln, Syrien ist ein Pulverfass. Die internationale Gemeinschaft kümmert sich um andere Dinge. Also: Es sieht nicht gut aus.

sueddeutsche.de: Kann die Bundesregierung etwas bewirken?

Primor: Deutschland steht an unserer Seite, aber das reicht nicht, um den Friedensprozess wieder in Gang zu bringen. Alleine, ohne die europäischen Partner, kann Berlin nichts erreichen.

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