Israel rüstet sich für möglichen Vergeltungsschlag Irans "Die Gefahr kommt von Norden, Süden und Osten"

Irans Präsident kündigt lautstark einen Durchbruch im Atomprogramm an, in Israel reden alle über einen Angriff auf das Land. Doch nach einem Militäreinsatz gegen die iranischen Atomanlagen wird Israel mit einem blutigen Gegenschlag rechnen müssen. Vor allem der Großraum Tel Aviv, wo das Herz des Staates schlägt, könnte bei einer Vergeltungsaktion Ziel des Raketenhagels werden.

Von Peter Münch, Tel Aviv

In der "Kirya" herrscht Hochbetrieb. Auf dem Campus mitten in Tel Aviv, der das Verteidigungsministerium und das Hauptquartier der israelischen Armee beherbergt, schwirren Soldaten aller Waffengattungen wie in einem Bienenstock durcheinander. "Hier geht niemals das Licht aus", sagt ein junger Offizier auf dem Weg zum Gebäude der Luftwaffe. Mit dem Aufzug geht es hoch in den 12. Stock, dort liegt das Büro von Brigadegeneral Doron Gavisch. Von seinem Schreibtisch aus schaut er über das weiße Häusermeer der Metropole. Es ist der Blick auf eine Gefahrenzone.

Üben für den Ernstfall: Israelische Soldaten simulieren einen Raketenangriff auf eine Schule in Tel Aviv.

(Foto: dpa)

Alle reden vom Angriff in diesen Tagen, General Gavisch aber redet von der Abwehr. Denn im Falle eines israelischen Militärschlags gegen die iranischen Atomanlagen ist er als Kommandeur der Luftverteidigungseinheiten dafür zuständig, die Bevölkerung vor einem Gegenschlag zu schützen. Vor allem dem Großraum Tel Aviv, wo das Herz des Landes schlägt, könnte zur Vergeltung ein Raketenhagel drohen.

In der Bevölkerung steigt die Sorge, doch Gavisch wirkt überraschend entspannt. Sein Schreibtisch ist aufgeräumt, der Tee ist serviert, und mit einem entschlossenen Lächeln sagt der General: "Für die Verteidigung haben wir gute Optionen."

Die scheinen tatsächlich von Nöten zu sein, denn Aviv Kochavi, der Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, hatte vorige Woche das Land aufgeschreckt mit einer gewaltigen Zahl: 200.000 Raketen, so sagte er auf einer Sicherheitskonferenz in Herzlija, seien direkt auf Israel gerichtet. Die Rechnung reicht von den selbstgebauten Kassam, die vom Gaza-Streifen aus immer wieder ins Grenzgebiet gefeuert werden, über das weiter entwickelte Arsenal der schiitischen Hisbollah-Miliz in Libanon bis hin zu den iranischen Schahab-3-Mittelstreckenraketen.

General Gavisch kennt die Rechnung, doch seine Botschaft soll beruhigen: "Im Falle eines Angriffs kämpfst du nicht gegen diese Zahl, sondern du kämpfst da, wo du kämpfen willst." Von "Prioritäten-Gebieten" spricht der General, die es zu schützen gelte - Ballungszentren der Bevölkerung und wichtige Infrastruktur-Einrichtungen -, und dafür stünde ein mehrstufiges Raketenabwehr-System parat.

Zahlenspiele zur Beruhigung

Dennoch rücken neben den Spekulationen, ob Israels Luftwaffe tatsächlich allein in der Lage wäre, einen Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen erfolgreich auszuführen, die Gefahren eines Gegenschlags immer mehr ins Zentrum der Debatten. An alten Traumata mangelt es nicht: Im Golfkrieg 1991 waren Saddam Husseins irakische Scud-Raketen in Tel Aviv und Haifa eingeschlagen, im Sommer des Libanonkriegs von 2006 hatte die Hisbollah Israel eingedeckt mit einem Regen von 4000 Raketen.

Der frühere Mossad-Chef Meir Dagan erntet gewiss auch deshalb viel Aufmerksamkeit mit seinen eindringlichen Warnungen vor einem Regionalkrieg, dem Israel nach einem Angriff auf Iran ausgesetzt wäre. Verteidigungsminister Ehud Barak dagegen versucht, die Gemüter mit trockenen Zahlenspielen zu beruhigen: "Es gibt keinen Weg, einen Schaden zu vermeiden, und es wird nicht angenehm werden", sagte er. Doch Szenarien mit 50.000 Toten oder 5000 Toten seien völlig überzogen. "Wenn alle in ihren Häusern bleiben, gibt es nicht einmal 500 Tote", erklärte der Minister.