Interkonfessionelles Miteinander Die Islamkonferenz ist ein guter Ort zum Streiten

Die Islamkonferenz kann sich, jenseits der Enttäuschungen und Entfremdungen, den konkreten Dingen zuwenden, die da, wie so oft im Leben, mal mehr und mal weniger gut laufen. (Archivbild)

(Foto: dpa)

Deutschland braucht einen fairen und kontroversen Dialog mit den Muslimen im Land. Das gelingt nur, wenn auf Augenhöhe miteinander gesprochen wird - und zwar über konkrete Dinge, die noch nicht gut laufen.

Kommentar von Matthias Drobinski

Es war ein sommerwarmer Herbsttag, jener 27. September 2006. Innenminister Wolfgang Schäuble hatte zu Ehren der Versammelten das Schloss Charlottenburg in Berlin reservieren lassen und der Konferenz den historischen Satz geschenkt: "Der Islam gehört zu Deutschland." Zwölf Jahre und zwei Monate später ist es grau in Berlin, es herrscht Arbeitsatmosphäre beim Start der vierten Folge der Islamkonferenz. Die Grundsatzrede hält diesmal Horst Seehofer, der erklärt hat: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" - die hier lebenden Muslime gehören für ihn immerhin schon dazu.

Es ist einiges entstanden in diesen zwölf Jahren seit der ersten Konferenz: Es gibt jetzt zum Beispiel Lehrstühle für islamische Theologie und islamischen Religionsunterricht an 800 Schulen. Trotzdem herrschen zwischen den fünf Millionen Muslimen und der nicht muslimischen Mehrheit Enttäuschung, Misstrauen, Entfremdung. Die türkisch-islamische Ditib, der mit Abstand größte Moscheeverband im Land, ist von seinen Geldgebern in Ankara brutal auf Erdoğan-Linie gebracht worden; in Berlin und Hessen, beim Jugendverband und in Niedersachsen wurden Vorstände herausgedrängt, die sich dem widersetzten. Als Partner des deutschen Staates scheidet die Ditib derzeit aus. Die kleineren, theologisch konservativen Verbände können die Lücke so wenig schießen wie die noch kleineren liberalen und säkularen Initiativen.

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Damals, auf dem glänzenden Parkett des Schlosses Charlottenburg, mag mancher auf die reibungsarme Beheimatung des Islams in Deutschland gehofft haben; die Hoffnung hat getrogen. Studierende der islamischen Theologie hängen in der Luft, weil die aus der Türkei oder den arabischen Ländern finanzierten Gemeinden keine in Deutschland ausgebildeten Imame bezahlen wollen oder können. Die Flüchtlinge, die seit 2015 in diese Gemeinden kommen, bringen meist einen traditionellen Islam mit; die Debatten um die Rechte von Frauen, Homosexuellen, Anders- und Nichtgläubigen macht das noch schwieriger. Die türkisch-muslimische Community schließlich ist tief gespalten und fühlt sich in die Ecke gedrängt, oft, aber nicht immer zu Unrecht.

Denn auch die Mehrheitsdeutschen haben sich verändert. "Der Islam" - das ist in der öffentlichen Debatte nicht mehr die Bezeichnung einer Religion. Der Begriff ist zur Problemanzeige, zur Diagnose geworden, nicht erst seit der Flüchtlingskrise von 2015: "Der Islam" führt selbstredend zu Frauen- und Demokratieverachtung, zur Kriminalität und Gewalt. Ja, es gibt zahlreiche Koranstellen, die den Fundamentalisten Auftrieb geben, es gibt unter Muslimen eine Frauen- und Demokratieverachtung, die der Rechtsstaat und die freie Gesellschaft konsequent bekämpfen müssen, es gibt Terror und Kriminalität. Dies aber als religiöses Naturgesetz "des Islams" zu definieren, macht alle Muslime zu Geiseln eines fundamentalistischen Religionsverständnisses; es überhöht konkrete soziale und politische Problemen religiös und gibt ihnen damit die Aura der Unlösbarkeit.

Die Planer setzen verstärkt auf muslimische Initiativen

Seit mit der AfD eine offen islamfeindliche Partei im Bundestag und allen Landesparlamenten sitzt, ist dieses Denken bis weit ins liberale und linke Lager hinein verstärkt - kriegt man die Sache mit "dem Islam" in den Griff, verschwinden die Rechten wieder. Nur: Wie soll ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden, wenn der andere von vornherein als Mutter aller Probleme feststeht?

Der vierte Anlauf der Islamkonferenz spiegelt diese Lage. Die Planer setzen verstärkt auf muslimische Initiativen und Einzelpersonen und weniger auf die Verbände; wichtige Politiker und Verwaltungsfachleute fehlen diesmal fast komplett. Es materialisiert sich der Wechsel von Schäubles zu Seehofers Satz: Die einzelnen Muslime sind willkommen. Doch der Islam als Weltreligion, als politischer, gesellschaftlicher und kultureller Faktor - der bleibt diesmal draußen.

In diesem Verzicht aufs Große steckt aber auch eine Chance. Die Konferenz muss nicht "den Islam" definieren. Sie kann sich, jenseits der Enttäuschungen und Entfremdungen, den konkreten Dingen zuwenden, die da, wie so oft im Leben, mal mehr und mal weniger gut laufen. Sie kann auf die türkisch-islamischen Gruppen schauen, die sich bewusst von Ankara distanzieren. Sie kann die feministische islamische Theologie bemerken und die Initiativen gegen häusliche Gewalt. Sie kann über Wege zur Moscheefinanzierung nachdenken; sie muss sich fragen, wie langfristig die islamische Theologie und der Religionsunterricht rechtlich abgesichert werden können.

Vor allem aber kann sie ein Ort des streitlustigen und fairen Dialogs werden. Das Recht auf Religionsfreiheit ist ja das Recht, dem anderen - im Rahmen des Rechtsstaates - seinen Glauben oder Nichtglauben zumuten zu dürfen. Die Räume, in denen man sich dies zumutet und doch beieinanderbleibt, sind knapp geworden. Die Konferenz im novembergrauen Berlin könnte einer werden.

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