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Islamisten im Internet:Ruf zum Dschihad

Bei den Revolutionen im Nahen Osten und in Nordafrika spielen sie bisher kaum eine Rolle - trotzdem versuchen die Islamisten die Aufstände für ihre politischen Zwecke zu nutzen: Nicht um mehr Demokratie gehe es, sondern um den Kampf der Gotteskrieger gegen westliche Besatzer.

Janek Schmidt

Die Islamisten fühlten sich bei den Protesten in Nahost lange an den Rand gedrängt. Doch nun gehen sie in die Offensive. Dafür setzen sie auf das Internet. Dabei verfolgen die Extremisten eine zweigleisige Strategie: Zunächst begrüßen sie die Proteste - und interpretieren sie dann um. So schreibt der jemenitisch-amerikanische Prediger Anwar al-Awlaki in der jüngsten Ausgabe des Internet-Magazins Inspire, dem wichtigsten englischsprachigen Al-Qaida-Medium: "Die Revolutionen, die an den Thronen von Diktatoren rütteln, sind gut für Muslime, gut für die Mudschaheddin und schlecht für die Imperialisten des Westens."

Libyan protesters chant anti-Gaddafi slogans during a protest in front of the Arab League headquarters in Cairo

Islamistische Kräfte spielten bisher bei den Protesten in Tunesien, Ägypten und auch in Libyen nur eine untergeordnete Rolle. Aber die Gotteskrieger veruchen, mehr und mehr Einfluss unter den Aufständischen zu gewinnen. Im Bild: Exil-Libyer bei einer Demonstration vor dem Hauptquartier der Arabischen Liga in Kairo.

(Foto: REUTERS)

Obwohl religiöse Beweggründe bei den Protesten bislang keine wichtige Rolle spielten, filtert Awlaki die Aufstände durch die Islamisten-Brille: Er vereinnahmt sie als Kampf von Gotteskriegern gegen westliche Besatzer. Um jedoch weltliche Leser nicht abzuschrecken, fügt er an: "Das Ergebnis muss keine islamische Regierung sein, damit wir die Entwicklungen als Schritt in die richtige Richtung sehen."

Immer deutlicher wird indes der zweite Teil der Islamisten-Strategie: das Hervorheben der eigenen Rolle. Dafür nutzen die Propagandisten, dass aus Libyen und Jemen besonders viele Islamisten stammen. So zeigen 2007 konfiszierte Dokumente aus einem Extremisten-Stützpunkt im Irak, dass einst aus keiner Stadt so viele Aufständische in Richtung Irak zogen, um dort im Dschihad zu helfen, wie aus dem ostlibyschen Darnah.

Dieser Eifer setzt sich nun fort - ob von wahren Kämpfern oder Propagandisten ist unklar. So schreibt der Forscher Alexander Meleagrou-Hitchens in einer Studie des International Centre for the Study of Radicalisation: "Ende Februar leuchteten einige der wichtigsten Dschihad-Internetseiten vor Begeisterung über Berichte, dass sich Anti-Gaddafi-Einheiten bildeten." Um die eigene Bedeutung zu betonen, jubelte ein Besucher eines Extremisten-Forums: "Ich habe die Nachricht, dass die Brüder mehr als 4000 bis 7000 Kämpfer beisammen haben." So wird der Krieg für Propaganda genutzt, und der Besucher der Extremist-Webseite ergänzt: "Wer möchte sich den Mudschaheddin anschließen? Die Tore zum Dschihad sind in Libyen weit offen."

© SZ vom 21.04.2011/olkl
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