Islamisten aus Deutschland:Propaganda-Filmchen direkt aufs Handy

Lesezeit: 2 min

Sie schwärmen von Enthauptungen: Soziale Medien erleichtern den IS-Terroristen die Rekrutierung junger Dschihadisten auch aus Deutschland. Denen geht es dabei gar nicht um Religion - sondern um ihr Selbstwertgefühl.

Von Stefan Braun, Berlin

6200 Salafisten in Deutschland, Tendenz steigend. Mehr als 450 junge Dschihadisten, die ins Kriegsgebiet gereist sind, Tendenz steigend. Dazu ein Dunkelfeld, das niemand kennt. Und eine Radikalisierung, die sich zu oft im Stillen abspielt. Die Zwischenbilanz, die Emily Haber und Hans-Georg Maaßen am Montagabend in einer Parlamentsanhörung zogen, hätte kaum alarmierender ausfallen können.

Und so sprach Haber, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, von einer "sehr volatilen Lage". Und Maaßen, der Verfassungsschutzpräsident, ergänzte, er sei um jeden Vorschlag dankbar, der ihm im Kampf gegen diese Trends helfe.

Den meisten gehe es gar nicht um Religion

Der internationale Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist für die Behörden auch in Deutschland selber zum größten Sicherheitsproblem geworden. In der Anhörung des Unterausschusses "Zivile Krisenprävention" ging es abseits der Debatte über schärfere Gesetze allerdings auch darum, wie und warum junge Menschen gewaltbereiten Islamisten verfallen.

Maaßen berichtete, dass die sozialen Medien den Islamisten die Rekrutierung junger Menschen dramatisch erleichterten. Die Islamisten bräuchten kein einziges klassisches Medium mehr, um ihre Gedanken zu verbreiten. Sie schickten Live-Filmchen über Twitter, in denen sie das Lagerleben im Krieg idealisierten und nebenbei von der Enthauptung eines Gegners schwärmten. Mit anderen Worten: Die IS-Propaganda wird direkt aufs Handy übertragen. Das zu verhindern, sei wahnsinnig schwer geworden.

Esra Kücük, die Leiterin der Jungen Islamkonferenz Berlin, schilderte, wie Ausgrenzungs- und Abwertungserfahrungen junger Muslime in Deutschland durch radikale Salafisten und den IS ausgenutzt würden. Zwar sei nur ein Prozent der vier Millionen Muslime in Deutschland tendenziell gefährdet, in die radikale Szene abzudriften.

Aber bei denen, die empfänglich sind, sei die Anziehungskraft umso größer. Salafisten böten eine Identität, Selbstvertrauen und einen klaren Auftrag zum Handeln. Sie böten also genau das, was vielen fehle.

Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke betonte, den meisten Jugendlichen gehe es nicht so sehr um Religion. Wichtigste Triebfeder sei das Gefühl, hierzulande ein Underdog zu sein und durch IS die Chance zu erhalten, sich zum Topdog hoch zu kämpfen. Es gehe um eine radikale Subkultur, nicht um tiefen Glauben. Im Übrigen sei es falsch, dass sich eine Radikalisierung nur im Stillen vollziehe. Freunde und Familie würden es so gut wie immer mitbekommen.

Wichtig sei es, richtig zu reagieren: Nicht ignorieren, aber auch nicht autoritär ablehnen oder bestrafen. "Sie müssen die Jugendlichen zum Reden bringen." Also herausfinden, ob es um Identitätssuche gehe, um Ausgrenzungsgefühle oder einen radikalen Protest. "Dafür brauchen sie keinen Imam, sondern möglichst männlich wirkende Sozialarbeiter." Typen also, die glaubwürdig sind und alternative Vorbilder sein könnten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB