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Islamischer Staat:Diabolische Regisseure

Angehörige des ermordeten jordanischen Piloten protestieren in Amman.

(Foto: AFP)
  • Der Ruf nach Rache nach dem brutalen Mord an einem jordanischen Piloten durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist verständlich.
  • Die Staaten und Gesellschaften müssen nun darauf achten, dass der Wunsch nach Vergeltung sie nicht blind macht.
  • Die übereilten Reaktionen der USA auf die Anschläge vom 11. September haben dem Land geschadet.
  • Besser ist es, besonnen zu handeln. Wie etwa Frankreich nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen. Nur so können die IS-Terroristen besiegt werden.

Kommentar von Stefan Ulrich

Viele Bürger haben schon solche Bilder gesehen: Menschen, die niedergeschossen oder sadistisch gefoltert werden, enthauptet oder verbrannt. Horrorfilme enthalten solche Szenen, aber auch normale Kino-Thriller, freigegeben ab 12 oder 16 Jahren. Von der Couch oder dem Kinosessel aus können viele solchen Schrecken ganz gut verarbeiten. Er dient, auch wenn das makaber ist, der Unterhaltung. Die Barbarei ist in den modernen Zivilisationen in die Fiktion verbannt und damit gezähmt, wie ein Feuer hinter der Glasscheibe eines Kamins. So erschien es zumindest. So erhoffte man es.

In Wahrheit ist die Barbarei ein Teil des realen Lebens, und das nicht nur irgendwo in der Ferne, sondern überall. In Paris knallen Terroristen Journalisten und Supermarktbesucher nieder. Und im Internet sind Fotos und Videos zu sehen, die die Verbrechen der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien überall lebendig werden lassen. Sie zeigen Erschießungen, Enthauptungen und jetzt - wenn der Film von dem sterbenden jordanischen Piloten Muaz Kasasbeh nicht gefälscht ist - auch noch eine Verbrennung, in allen Einzelheiten, schlimmer als in vielen Horror-Thrillern. Was als Fiktion manchen erträglich erscheinen mag, wird als Realität auch für Abgebrühte unerträglich. Der Geist versteht da genau zu unterscheiden. Und die Wirklichkeit schlägt durch das Internet unmittelbar im Bewusstsein der Menschen auf dem ganzen Globus ein.

Die Videos der IS-Terroristen und die Nachrichten darüber wecken zwiespältige Gefühle. Fassungslosigkeit, Angst, Mitleid mit dem Opfer, Hass auf die Täter - und den Wunsch nach Rache. Dann kommt die Meldung, Jordanien habe als Reaktion auf das IS-Verbrechen Rache geschworen und sofort zwei verurteilte Terroristen aufhängen lassen. Ist dies die beste Antwort auf die Barbarei? Und falls nicht, welche dann?

Aus dem Nahen Osten kommen zwei archetypische Antworten auf die Frage, wie auf schwerstes Unrecht zu reagieren ist. "Auge um Auge, Zahn um Zahn", steht im Alten Testament geschrieben. Und weiter: "Brandmal um Brandmal." Dieses Rechtsprinzip, Talion genannt, galt einst als Fortschritt. Eine genau bemessene Vergeltung löste die Blutrache ab, die stets auszuufern drohte.

Doch kann auch das Talion-Prinzip in einen Kreislauf der Gewalt und so ins Unheil aller führen. Das Neue Testament lehrt einen anderen Weg: Feindesliebe und Sanftmut. Wer auf eine Wange geschlagen wird, soll die andere hinhalten. Christus' Rat lautet, sich weder von heißem Zorn leiten zu lassen, noch von kaltem Vergeltungswunsch, sondern im Täter den Mitmenschen zu sehen und ihm zu verzeihen.

Ein Staat darf nicht die andere Wange hinhalten

Für den Einzelnen ist das eine edle Haltung. Absolute Pazifisten verlangen sie auch der Gemeinschaft als ganzer ab. Doch ein Staat darf nicht einfach die andere Wange hinhalten, wenn er angegriffen wird. Er hat die Verantwortung, seine Bürger zu schützen, wenn nötig mit Gewalt. Das gilt auch für die Gemeinschaft aller oder vieler Staaten. Sie ist verpflichtet, den Terror zu bekämpfen, egal ob er in Gestalt einzelner Attentäter daherkommt oder einer ganzen IS-Armee.

Nur: Auch Gesellschaften und ihre Staaten dürfen nicht in den Fehler verfallen, in heißem Zorn auf Rache zu sinnen, selbst wenn das, wie im Falle Jordaniens, sehr verständlich ist. Nicht nur Liebe, auch Rache macht blind. Nationen können sich manchmal wie Boxer verhalten, die, bis aufs Blut gereizt, ihre Deckung aufgeben und sich so erst richtig angreifbar machen.

Den USA ist es nach den Attentaten vom 11. September 2001 so ergangen. Sie haben - im Irak, bei der inneren Sicherheit - wütend zurückgeschlagen und ihrer Autorität damit mehr geschadet, als es Terroristen vermocht hätten. Modernem Terror im islamistischen Gewand geht es nicht nur darum, Schrecken zu erregen. Er will die freiheitlichen, pluralistischen Gesellschaften auch aufstacheln und zu unbedachten Reaktionen provozieren, damit diese sich untreu werden und leichter angreifbar machen.

Die IS-Terroristen sind nicht einfach nur Barbaren, sondern auch diabolische Regisseure, die wissen, mit welchen Taten sie Wirkung beim Weltpublikum erzielen. Sie treiben ihren Horror weiter, um einen Strudel von Hass und Gegenhass zu erzeugen, der alles mitreißt. Das Verbrennungsvideo ist Teil dieser Strategie. Sie lässt sich durchkreuzen, indem Bürger und Regierungen sich nicht von verzweifelter Wut überwältigen lassen, sondern mit klarem Verstand und legalen Mitteln eine starke Gegenwehr organisieren. Das ist schwer in Momenten wie diesen, in denen der Abscheu übermächtig wird. Doch es geht. Das haben die Franzosen nach den Attentaten vom Januar bewiesen.

© SZ vom 05.02.2015/dayk

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