Islam Potenziell tödliche Vorwürfe

Seyran Ateş legt in der Moschee ihren Gebetsteppich bereit.

(Foto: dpa)
  • Seyran Ateş hat in Berlin-Moabit eine liberale Moschee gegründet.
  • Die Empörung in der muslimischen Welt ist groß: Es gibt Fatwas gegen die Gründung, im Internet kursieren hasserfüllte Kommentare.
Von Matthias Drobinski

Ein bisschen hat sie suchen müssen, bis klar war, in welcher Richtung genau Mekka liegt, dann hat sie ihren Gebetsteppich ausgebreitet, barfuß, im weißen Gewand - und ohne Kopftuch. Seit vergangenem Freitag ist Seyran Ateş, die Anwältin und Frauenrechtlerin, auch Imamin der von ihr gegründeten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee mit dezidiert liberaler Ausrichtung. Eine Massenbewegung ist das nicht: Im Saal der evangelischen Johanniskirche in Berlin-Moabit, wo die Moschee untergekommen ist, drängten sich mehr Reporter als Beter. Die Empörung in der muslimischen Welt ist dennoch groß: Es gibt Fatwas gegen die Gründung, im Netz kursieren hasserfüllte Kommentare bis hin zur Morddrohung.

So urteilte die ägyptische Fatwa-Behörde Dar al-Ifta, es verstoße gegen die Glaubenspflichten, wenn Frauen kein Kopftuch in der Moschee trügen. Dies sei keine Diskriminierung, sondern entspreche den gottgegebenen Regeln. Besonders verwerflich sei, wenn Frauen und Männer gemeinsam beteten: "Der Islam verbietet Körperkontakt zwischen Männern und Frauen während des Gebetes." Die Moscheegründung sei ein Angriff auf den Islam.

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Die türkische Religionsbehörde Diyanet erklärte, die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee missachte "die Grundsätze unserer erhabenen Religion", um den Islam "zu untergraben und zu zerstören". Für sie ist klar: Die Gülen-Bewegung steckt nicht nur hinter dem Putschversuch in der Türkei, sondern auch hinter Seyran Ateş. Ein türkischer Fernsehsender behauptete fälschlich, bei der Gründung sei auch Ercan Karakoyun dabei gewesen, der De-facto-Sprecher der Gülen-Bewegung in Deutschland. Karakoyun hat sich aber von Ateş distanziert.

Ateş sagt, die Bedrohung habe eine neue Dimension bekommen

Dass die Vertreter des etablierten Islams die Gründung kritisieren, ist naheliegend, überraschend aber ist, wie heftig sie es tun: Den Islam zu verraten oder der Gülen-Bewegung nahezustehen, sind potenziell tödliche Vorwürfe. Überraschend ist auch die Resonanz in der islamischen Welt: Ein Beitrag über Seyran Ateş im arabischen Programm der Deutschen Welle wurde nach Angaben des Senders übers Wochenende mehr als 1,7 Millionen Mal angeklickt - von den mehr als 15 000 Kommentaren habe ein Großteil gelöscht werden müssen, weil sie Beschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen enthielten. Zuspruch gab es allerdings auch - vor allem von muslimischen Frauen.

Ateş sagt, sie sei nun mit den deutschen Sicherheitsbehörden im Gespräch. Die Bedrohung habe eine neue Dimension bekommen.

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