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Irland:Schmutzige, blutige Kampagne

Viele Iren sagen, dass der Einfluss der katholischen Kirche zurückgegangen ist in den vergangenen Jahren, auch wegen der vielen Missbrauchsskandale. Doch Irlands rigide Haltung beim Thema Abtreibung hat nach Ansicht Geraghtys eine lange Geschichte. "Als Feministinnen in Deutschland für die Abtreibung kämpften, kämpften wir gerade für Verhütung." Die war in Irland bis 1980 illegal, noch bis 1985 durfte man Kondome nur mit Rezept kaufen. Scheidungen sind erst seit 1997 möglich.

Die Zahl der Katholiken in Irland ist laut Europäischer Sozialstudie in den vergangenen Jahren auf etwa 70 Prozent leicht gesunken. Immer noch aber gehen 39 Prozent der Iren mindestens einmal pro Woche in die Kirche, mehr als in jedem anderen EU-Land außer Polen. Und immer noch werden die meisten Schulen von der katholischen Kirche betrieben. "Die Leute unterschätzen den strukturellen Einfluss, den die Kirche auf Schulen und Krankenhäuser hat", sagt Ivana Bacik, Labour-Abgeordnete im irischen Oberhaus und Pro-Choice-Aktivistin. Zudem erhielten irische Lebensschützer massive Unterstützung aus den USA. "Irland ist die letzte Bastion der Anti-Choice-Kräfte geworden".

1992 hinderte der Staat eine vergewaltigte, suizidgefährdete 14-Jährige an der Abtreibung

Irland als Arena des internationalen Kampfes um die Abtreibung: Das ist wohl der einzige Punkt, in dem Einigkeit herrscht zwischen Bacik und Thomas Finegan, der für eine konservative Lobbygruppe arbeitet. "Für Pro-Choice-Aktivisten ist Irland symbolisch wichtig", sagt er. Für den 31-Jährigen geht es in der Debatte um "das Töten von Kindern". Das Abtreibungsverbot sei nicht frauenfeindlich, es schütze Frauen, denn meist drängten die Männer diese zur Abtreibung.

In Irland haben in den vergangenen Jahren mehrere dramatische Fälle die Abtreibungsgegner viel Zustimmung gekostet. Der "Fall X" zum Beispiel, 1992: Eine vergewaltigte, suizidgefährdete 14-Jährige will für eine Abtreibung ausreisen, der Staat hindert sie daran; der Oberste Gerichtshof zwingt das Parlament schließlich, 21 Jahre später gesetzlich klarzustellen, dass Abtreibung bei akuter Suizidgefahr legal ist. Der Fall Savita Halappanavar, 2012: Eine Zahnärztin stirbt an einer Blutvergiftung nach einer Fehlgeburt; die Ärzte hatten sich geweigert, den sterbenden Fötus abzutreiben, solange sein Herz schlug. Der "Fall Y", 2014: Bürokratische Hürden hinderten eine durch Vergewaltigung schwangere, suizidgefährdete Asylbewerberin daran, für eine Abtreibung auszureisen; die Frau hat die Behörden verklagt.

Der "Fall PP", auch 2014: Eine hirntote, schwangere Frau wird gegen den Willen ihrer Familie mit Maschinen am Leben erhalten; erst nach Wochen ordnet ein Gericht an, die Maschinen abzuschalten, weil der Fötus ohnehin nicht überleben könne.

Mittlerweile ist eine Mehrheit der Iren für eine Lockerung der Abtreibungsgesetze. Vier Fünftel wollen Abtreibung in Fällen von Vergewaltigung, Inzest und tödlichen Behinderungen erlauben. Einer völligen Legalisierung stimmten hingegen nur 38 Prozent zu. Den großen Erfolg der Kampagne für die Ehe für alle werden die Liberalen beim Thema Abtreibung deshalb wohl nicht wiederholen können. "Es wird ein viel schwierigerer Kampf", sagt Ivana Bacik, "bei Abtreibung geht es nicht um Liebe, es gibt keine fröhlichen Geschichten." Und Tara Flynn, die Schauspielerin, erwartet eine "schmutzige, blutige Kampagne" der Gegner.

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(Die Recherchereise für diesen Artikel wurde von der Karl-Gerold-Stiftung bezahlt.)