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Iran:Warum das Regime im Iran viele Unterstützer hat

Demonstranten in der Stadt Mashhad gehen für die Regierung des Iran auf die Straße.

(Foto: AFP)

Viele Städter und Profiteure des Mullah-Systems stehen zu den Machthabern. Zentral ist dabei das Wirtschaftsimperium der Revolutionsgarden.

Von Moritz Baumstieger

Die Videos, die Iran am Mittwoch in die Welt sendete, stellten die Wahrnehmung vieler Beobachter im Ausland auf den Kopf. Da gab es keine Straßenschlachten zu sehen, sondern Demonstranten liefen begleitet von lächelnden Polizisten. Sie trugen Bilder von Revolutionsführer Ali Chamenei und wünschten ihm in Sprechchören ein langes Leben. Den Tod forderten sie hingegen für die "Aufwiegler", die in den Tagen zuvor protestiert hatten. Demonstration verkehrt im Mullah-Staat. Die Kundgebungen waren zwar staatlich organisiert, zeigten aber, dass die Islamische Republik viele Unterstützer hat.

Überraschend war für viele auch die geografische Verteilung von Protest und Gegenprotest: Die aktuellen Unruhen nahmen ihren Anfang in der Provinz, wurden von der bildungsarmen und einkommensschwachen Landbevölkerung begonnen, die bisher als stärkster Unterstützer des Regimes galt. Die größten Pro-Chamenei-Kundgebungen fanden unterdessen in Teheran und in Regionalhauptstädten statt, deren urbane Eliten doch eigentlich als Anhänger der Reformer bekannt sind.

Dieses Paradoxon erklärt sich dadurch, dass viele der in Teheran und anderen Großstädten wohnenden Aktivisten der Proteste von 2009 bisher zu Hause bleiben. Einige sind traumatisiert, anderen ist die unorganisierte und führerlose Bewegung von heute suspekt. Gleichzeitig verschiebt die in Iran grassierende Landflucht die politischen Gewichte. Die Bevölkerung in den Armutsvierteln ist im vergangenen Jahrzehnt nochmals gewachsen, hier hatten die konservativsten Kräfte schon immer viele Anhänger. Sie beziehen oft Kriegerpensionen, Witwenrenten oder Sozialleistungen, nehmen gerne von den religiösen Stiftungen, die sich dort als Wohltäter hervortun.

Aufstieg durch Stipendien

Aber nicht nur perspektivlose Landarbeiter kamen in die Städte, sondern auch jene, die als Profiteure des Mullah-Systems einen sozialen Aufstieg schafften: ehemalige Mitglieder der Armee, der Revolutionsgarden oder Basidsch-Milizen, die teils mit Stipendien studieren konnten und nun Ingenieure, Architekten oder Verwaltungsspezialisten sind.

Sie finden oft leichter Arbeit als andere junge Iraner. Die Revolutionsgarden, die nur dem Religionsführer unterstehen und heute vor allem zur Kontrolle des eigenen Volkes eingesetzt werden, sind nicht nur wegen ihrer auf mindestens 125 000 Mann geschätzten Stärke ein Machtfaktor. Seit ihrer Gründung haben die Paramilitärs ein Wirtschaftsimperium aufgebaut, das nach Schätzung von Experten für bis zu 40 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich ist. Ihre Unternehmen sind von Steuern und Zöllen befreit und in allen Branchen zu finden: Sie bauen U-Bahnlinien, Pipelines und Straßen, kontrollieren Telekommunikationsfirmen und stellen Bonbons her. Von den Gewinnen profitieren einige Bonzen, andererseits halten die Träger des Systems mit ihnen das Fußvolk bei Laune.

Um zu wissen, dass diese Menschen weiter sehr loyal zur Islamischen Republik stehen, reicht ein Blick auf die Ergebnisse der jüngsten Wahl: Der als moderat geltende Hassan Rohani gewann im Mai 2017 zwar im ersten Wahlgang - sein als Hardliner geltender Gegenkandidat Ebrahim Raisi errang aber immerhin 38,3 Prozent.

© SZ vom 05.01.2018/jael

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