Interview zum Ende der Wehrpflicht:"Vom Vaterlandsverräter zum Vorbild"

Peter Tobiassen berät seit mehr als 30 Jahren Menschen, die keinen Dienst an der Waffe leisten wollen. Mit dem Ende der Wehrpflicht verliert er seinen Job. Und findet das großartig.

Julia Jendrsczok

Peter Tobiassen ist Geschäftsführer der "Zentralstelle Kriegsdienstverweigerer", einem Dachverband für 26 Organisationen, die sich alle für das Recht auf eine freie Gewissensentscheidung einsetzen. Seit mehr als 30 Jahren berät der 55-Jährige Kriegsdienstverweigerer, Wehrpflichtige und Zivildienstleistende.

Peter Tobiassen

"Ich habe selbst den Kriegsdienst verweigert". Peter Tobiassen in seinem Büro in der Nähe von Wilhelmshafen im Landkreis Friesland (Niedersachsen).

(Foto: picture alliance / dpa)

sueddeutsche.de: Der Wehrdienst wird zum 1. Juli eingestellt, damit ist auch Ihr Auftrag erledigt. Wann endet Ihr Dienst?

Peter Tobiassen: Am 30. Juni.

sueddeutsche.de: Wie geht es Ihnen dabei?

Tobiassen: Ich finde es großartig. Obwohl ich meinen Arbeitsplatz verliere. Die vornehmste Aufgabe eines Sozialarbeiters ist es ja, sich selbst überflüssig zu machen. Wir haben immer dafür gearbeitet, dass der Grund für die Existenz der Zentralstelle KDV wegfällt, dass nämlich niemand mehr gegen seinen Willen zum Kriegsdienst gezwungen wird. Und genau das haben wir erreicht.

sueddeutsche.de: Wie viele Menschen haben Sie in Ihrer Karriere insgesamt beraten?

Tobiassen: Etwa 90.000, seit ich 1978 hier angefangen habe. Unsere Organisation hat im Durchschnitt 10.000 Kontakte pro Jahr, das sind jedes Jahr 4000 neue Ratsuchende.

sueddeutsche.de: Wie sehen Sie Ihren Anteil an der Abschaffung der Wehrpflicht?

Tobiassen: Es ist toll, dass sich unsere Argumente letztlich durchgesetzt haben. Das lese ich daran ab, dass es kaum eine öffentliche Debatte gab, als der Verteidigungsminister den Wehrdienst ausgesetzt hat. Alle Argumente waren lange ausgetauscht und niemand hat mehr bezweifelt, dass die Wehrpflicht sicherheitspolitisch nicht mehr begründbar ist.

sueddeutsche.de: Inwiefern hat sich das gesellschaftliche Bild der Kriegsdienstverweigerer im Laufe Ihrer Tätigkeit verändert?

Tobiassen: Früher galten sie als Vaterlandsverräter und Drückeberger. Je größer die Zahl der Kriegsdienstverweigerer wurde und je mehr von ihnen im Zivildienst Menschen geholfen haben, desto besser wurde ihr gesellschaftliches Image. Dabei ist nicht so sehr die Entscheidung gegen den Kriegsdienst anerkannt worden als vielmehr ihre soziale Dienstleistung. Zum Ende der Wehpflicht hat sich das Image ins Gegenteil verkehrt: Der Zivildienst gilt heute oft als unersetzlich, obwohl das nicht der Fall ist.

sueddeutsche.de: Sie sagen also, es wird nicht zu Engpässen in sozialen Einrichtungen kommen, wenn der Zivildienst ausgesetzt wird?

Tobiassen: Nein, das wird es nicht. Die Zivildienstleistenden machen nur ein Prozent der Mitarbeiter in den sozialen Einrichtungen aus. Wenn sie wegfallen werden ihre Stellen entweder wie beim Rettungsdienst durch professionelle Kräfte ersetzt, oder bei Freizeitangeboten für alte Menschen zum Beispiel von Freiwilligen übernommen. Deshalb ist es kein Drama, wenn wir keine Zivildienstleistenden mehr haben.

sueddeutsche.de: Zurück zu Ihren beruflichen Anfängen. Wie sind die Betroffenen mit der gesellschaftlichen Ächtung umgegangen?

Tobiassen: Zunächst gab es die Inquisitionsverfahren mit Ablehnungsquoten um 50 Prozent. Das hieß, viele Kriegsdienstverweigerer wurden als solche nicht anerkannt. Manche sind darüber so verzweifelt, dass sie ihrem Leben ein Ende gesetzt haben. Ich habe selbst einen solchen Fall miterlebt. Ein junger Mann hat sich das Leben genommen, weil er nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde, sondern Wehrdienst hätte leisten müssen. Andere sind ins Ausland oder ins entmilitarisierte Westberlin geflohen.

sueddeutsche.de: Und heute?

Tobiassen: Wir haben erreicht, dass die mündlichen Anhörungsverfahren 1984 weitgehend abgeschafft wurden und seit 2003 komplett weggefallen sind. Danach ging es darum, die diskriminierende längere Dienstdauer im Zivildienst abzuschaffen, der damals 20 Monate dauerte. Bis zum Schluss hatten Zivildienstleistende eine deutlich höhere Einberufungsquote als Wehrpflichtige. Auch dagegen haben wir gekämpft.

sueddeutsche.de: Warum setzen sie sich so sehr für Kriegsdienstverweigerer ein?

Tobiassen: Ich habe selbst den Kriegsdienst verweigert und musste zwei Jahre lang um Anerkennung kämpfen. Dann habe ich Zivildienst gemacht und war Vertrauensmann der Zivildienstleistenden. Meine Zivistelle war in einer Bürogemeinschaft mit meiner jetzigen Arbeitsstelle. Während des Sozialarbeits-Studiums habe ich schon nebenher hier gearbeitet, nach dem Studium dann vollberuflich.

sueddeutsche.de: Was war der letzte Fall, den Sie beraten haben?

Tobiassen: Ein junger Mann hat sich gemeldet, weil er am 19. Dezember 2010 eine kurzfristige Einberufung bekommen hat. Er konnte den Kriegsdienst nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Unter unserer Betreuung hat er einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt. Wir haben ihm geholfen, die Unterlagen einzureichen, und sein Verfahren begleitet. Sein Antrag ist am 30. Dezember anerkannt worden, kurz bevor er zur Bundeswehr hätte losfahren müssen. Er kann jetzt seinen Arbeitsplatz behalten und weiterarbeiten.

sueddeutsche.de: Wie geht es für Sie nach dem 1. Juli 2011 weiter?

Tobiassen: Ich würde mich gern weiterhin für die Freiheit der Menschen einsetzen.

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